03.12.2017 - 08:00

Wort des Bischofs Wohnung für Gott verzweifelt gesucht

"Gott wird kommen". So steht es in der Bibel. Doch wo soll er wohnen, fragt sich Kardinal Woelki angesichts der Wohnungsknappheit in Deutschland. Gerade zur Adventszeit sei es nötig, für Arme und Schutzsuchende Herz und Tür zu öffnen.

In der Bibel gibt es ein himmlisches Versprechen: Gott wird kommen. Er wird eine Wohnung mitten unter uns haben. Gott wird bei uns Menschen sein. Ich finde, das ist ein wunderbares Versprechen. Gerade jetzt am Beginn des Advents, wo wir uns auf die Menschwerdung Gottes freuen. Aber wenn Gottes Sohn zu uns Menschen kommt, wird vermutlich gar keine Wohnung bei uns finden!  860.000 Menschen sind alleine in Deutschland ohne Wohnung. Was für die meisten von uns ganz selbstverständlich ist, gilt für all diese Menschen nicht. Sie haben keine eigenen vier Wände. Gut die Hälfte, also fast eine halbe Million dieser Wohnungslosen, sind anerkannte Flüchtlinge.

Es ist ein Trauerspiel für ein so reiches Land wie das unsere, wenn so viele arme Menschen hier an den Rand unserer Gesellschaft gedrängt werden. In Wohnheimen oder Notunterkünften wie diesen hier warten die meisten von ihnen vergeblich auf eine zumutbare, einfache Wohnung. Viele Obdachlose werden damit nicht fertig, machen Platte und schlafen vor U-Bahnschächten oder unter Brücken. Sie betäuben sich mit Alkohol und anderen Drogen. Wenn also Gott seinen Sohn in diesen Tagen wieder zu uns auf die Erde schicken würde, dann wäre auch heute, 2000 Jahre später, wahrscheinlich kein Platz für ihn in unserer Herberge.

Gott, hilf mir meine Hartherzigkeit zu überwinden. Gerade im Advent kann ich doch nicht beten, "Herr, komm in mein Herz", wenn ich Tür und Tor verrammle. Wenn ich Arme und Schutzsuchende draußen lasse. Also: "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit – für alle Notleidenden!" Ich bin sehr dankbar für all die vielen Helferinnen und Helfer, die ihr menschliches Gesicht hier zeigen und sich für Arme und Wohnungslose engagieren. Die Notleidende aufnehmen und ihnen helfen. Diese bewundernswerten Menschen, die machen mir Mut. Sie sind Gott nahe, und Gott selber wohnt schon jetzt in ihrer Mitte.

Ihr Rainer Woelki
Erzbischof von Köln  

 

(DR)