31.05.2015 - 08:00

Wort des Bischofs Wenn Ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder (Mt 18,3)

Für viele Katholiken ist ihr Glaube etwas, an dem sie in der Kindheit einmal sehr hingen, den sie aber im Laufe der Jahre aus den Augen verloren haben. Glaube braucht Beachtung, meint Kardinal Woelki in seinem Wort des Bischofs.

Meine Güte, was für ein Drama. Die kleine Clara hatte ihren Teddy verloren und brüllte durch das ganze Haus. Ohne ihren Teddy war an den gewohnten Mittagsschlaf überhaupt nicht zu denken. Die Eltern suchten fieberhaft in allen Winkeln und Ecken und nicht einmal der große Bruder Jonas konnte Clara trösten.

Viele von uns haben eine Puppe oder einen Teddy in den ersten Kindertagen so liebgewonnen, dass wir sie selbst im Alter noch bei jedem Umzug wieder mitnehmen. Selbst wenn wir schon seit Jahrzehnten ohne unsere liebgewonnenen Kuscheltiere problemlos einschlafen, so können wir uns doch meistens nicht endgültig von ihnen trennen. Unser Herz hängt irgendwie an ihnen.

Wenn ich heute mit Christen spreche, die ihre Kinder- und Jugendtage längst hinter sich gelassen haben, so muss ich manchmal an diese Teddy-Kuscheltier-Erfahrung denken. Die Erwachsenen erzählen mir nämlich, sie wären gut katholisch und bestens behütet in einem tollen Elternhaus aufgewachsen. Aber irgendwie habe sich ihr Glaube dann mit den Jahren verflüchtigt. Auch wenn man nicht aus der Kirche ausgetreten sei, so brauche man Pfarrer und Kirche heute doch nicht mehr. Der Glaubensteddy liegt irgendwo in einer Ecke oder Schublade. Keine Ahnung, wann genau und wo man ihn überhaupt abgelegt hat.

Kinder aber wissen sehr gut, dass man Teddys nicht einfach irgendwo liegenlassen darf - nicht nur weil es dann beim Einschlafen Probleme geben könnte. Wenn man jemanden so sehr in sein Herz geschlossen hat, dass man ihm am liebsten gar nicht mehr loslassen möchte, dann verdient diese Liebe des Lebens Beachtung. Zuwendung und Betreuung wären auch nicht verkehrt. Denn Liebe will nicht nur Nähe, sie muss auch gepflegt werden. Liebe braucht immer den Austausch - das regelmäßige Gespräch, dann wächst die Liebe - auch über sich selbst hinaus.

Kuschel-Teddys dürfen vielleicht irgendwann ruhig in der Ecke liegengelassen werden - Menschen aber, die wir in unser Herz geschlossen haben, dürfen wir niemals links liegen lassen. Schon Kinder wissen das. So einfach ist das, selbst wenn es uns oft so unendlich schwer erscheint. Hier dürfen wir uns also ruhig an unseren Kindern ein Beispiel nehmen, gerade dann, wenn wir den Himmel auf Erden erwarten und eine Erde, auf der die Liebe wohnt.

Ihr

Rainer Woelki
Erzbischof von Köln