09.12.2018 - 08:00

Wort des Bischofs Worauf warten Sie noch?

Unser ganzes Leben – eine einzige Warterei! Wie kann man diese unnötige Wartezeit in wertvolle geschenkte Zeit verwandeln? Mit einem Perspektivenwechsel, meint Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki in seinem heutigen Glaubensimpuls.

Hier am Dom, mitten in Köln, wird überall gewartet. Dort an der Ampel wartet man auf Grün, und hier hinter mir am Hauptbahnhof wartet man auf den verspäteten ICE, und unter mir wird auf die U-Bahn gewartet, die bestimmt gleich eintrudelt. Im Bahnhof gibt es sogar extra Wartemarken für die Schalter. Und da vorne, da warten die Taxifahrer auf Fahrgäste, und auf dem Weihnachtsmarkt hinter dem Dom wartet natürlich der Glühwein auf die Besucher. Unser ganzes Leben – eine einzige Warterei!

Ob das junge Paar hoffnungsvoll ein Kind erwartet oder der Kranke darauf, dass er bald wieder gesund wird – zu unserem Leben gehören Wartezeiten. Diese Wartezeiten müssen aber nicht automatisch nervig und überflüssig sein. Manchmal gelingt es mir, aus der Zeit, wo auch ich warten muss, kostbare Augenblicke zu machen. Nötig ist dafür ein Wechsel der Perspektive. Unnötige Wartezeit wird zur geschenkten Zeit, wenn ich die Blickrichtung ändere. Der verspätete Zug, der kommt dadurch nicht früher, aber ich, ich bekomme Zeit geschenkt. Kostbare Augenblicke, die nur mir gehören. Ob ich nachdenke, träume oder einfach nur meine Seele baumeln lasse.

Sie meinen, der Kardinal, der hat gut reden, gerade jetzt, in der hektischen Zeit vor Weihnachten, kann man alles, aber auf gar keinen Fall die Seele baumeln lassen. Oh doch! Die Adventszeit ist doch auch eine Wartezeit. Vier Wochen lang warten wir auf Weihnachten. Warten wir auf Jesus, das Licht der Welt, das unser Leben hell macht. Klar, auch ich muss mich um Geschenke oder um die Weihnachtspost kümmern. Meine Weihnachtspredigt, die ist auch noch nicht fertig… Aber wenn ich die Perspektive ändere, dann wird die Adventszeit zur geschenkten Lebenszeit – einer kostbaren Zeit, in der ich Lebensfreude geschenkt bekomme und mich auf Weihnachten freue. Also – worauf warten Sie noch?

Ihr Rainer Woelki
Erzbischof von Köln