Tief verwurzelt
Tief verwurzelt

09.08.2020 - 08:00

Wort des Bischofs Tief verwurzelt

Ferienzeit ist nicht nur etwas zur Erholung, sondern bietet auch die Gelegenheit sich auf die Suche nach Gott zu machen.

Haben Sie jetzt auch Urlaub? Ein wenig mehr freie Zeit? Vielleicht nutzen Sie diese herrlichen Sommertage mal für einen Spaziergang im Park – oder für eine lange Wanderung durch Wald und Wiesen. Selbst wenn unsere Wälder durch Umwelteinflüsse in den vergangenen Jahren stark gelitten haben – immer noch lassen sich – Gott sei Dank – zahlreiche Prachtexemplare unter den Bäumen finden. So wie zum Beispiel hier bei mir im Garten des Erzbischöflichen Hauses: Die wunderbare Krone dieser Buche und der mächtige Stamm zeigen: dieser Baum, der hat schon einige Jahre auf dem Buckel. Er hat schon so manchen Sturm überstanden. Ich mag solche wunderbaren Baumriesen, weil sie mich an unser Leben erinnern. Im Laufe der Jahre wachsen wir – kommen im Idealfall dem Himmel ein wenig näher. Wichtig dafür ist aber vor allem ein fester, guter Stand, eine Verwurzelung im Erdboden. Sie gibt dem Baum Halt. Sie schenkt ihm Nahrung und Wasser. Die Energie der Sonne besorgt dann den Rest.

Mit unserem Glauben ist es so ähnlich wie mit einem Baum. Im Idealfall sind nämlich auch wir tief verwurzelt – in Gott. So wie ein Baum mit seinen Wurzeln die Kraft aus dem Boden saugt, um zu wachsen und zu erstarken, tun wir Christen das, wenn wir still werden, wenn wir uns sammeln, uns neu auf Gott hin ausrichten, wenn wir neu zu uns kommen, tun wir das, wenn wir beten. Die Kraft, die uns dabei geschenkt wird, hilft uns, unser Leben zu leben, es neu in den Blick zu nehmen, es neu zu ordnen, das Wesentliche wieder zu entdecken. So wie unsere Natur Biotope braucht, um nicht zugrunde zu gehen, so brauchen wir auch Biotope des Glaubens, damit dieser lebendig bleibt. Wir brauchen Erfahrungsräume des Christlichen, Lernorte des Glaubens, Orte, wo man lernt, Gott zu suchen und zu finden. Denn genau das will er – von uns gesucht und gefunden werden, selbst dann, wenn wir vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen.

Im Grunde ist das mit Gott wie mit einem Menschen, den wir lieben: Auch der will immer wieder gesucht und gefunden werden. Diese Ferientage bieten für alles das eine tolle Gelegenheit.

Ihr
Rainer Woelki
Erzbischof von Köln

(DR)