19.02.2017 - 08:00

Wort des Bischofs Hinter dem Jordan

Kardinal Woelki war in den Flüchtlingslagern im Libanon und meint: "Wer in die Augen dieser Menschen gesehen hat, der kann eigentlich hier bei uns im reichen Deutschland keine Obergrenzen fordern oder gegen Familiennachzug sein."

Eine besorgte Mutter, die mit sieben Kindern in einem Flüchtlingszelt kurz vor der syrischen Grenze wohnen muss. 80 misshandelte junge Frauen aus den Hungerländern Afrikas, die auf einer einzigen Etage mitten in Beirut monatelang auf ihre Ausreise warten. Beduinenkinder, die barfuß und mit zerrissenen Kleidern am Straßenrand betteln, um den nächsten Tag zu überleben.

All diese Bilder erschüttern mich. Was ich in den letzten Tagen bei meiner Reise nach Jordanien und in den Libanon gesehen habe, werde ich so schnell nicht mehr vergessen. All die armen, irgendwo gestrandeten Menschen, die vor Not und Elend, vor Krieg, Angst und Terror auf der Flucht sind, lassen mich nicht kalt. Wer in die Augen dieser Menschen gesehen hat, der kann eigentlich hier bei uns im reichen Deutschland keine Obergrenzen fordern oder gegen Familiennachzug sein.

Ich habe aber auch viele engagierte Menschen getroffen, die helfen, so gut es denn eben geht. Menschen wie Schwester Ursula, die normalerweise längst ihren Ruhestand genießen könnte und die dennoch in Jordanien Tag für Tag modernen Arbeitssklaven ihre Zuwendung und Hilfe schenkt. Diese Menschen, die den gestrandeten Notleidenden so tatkräftig helfen, machen mir Mut. Zupackende Ehrenamtliche, die in Beirut in heruntergekommen Schulen freiwillig jeden Nachmittag Nachhilfe erteilen, zeigen mir: Es gibt im Nahen Osten nicht nur Krieg, Terror, Armut und Leid - sondern unzählige Menschen, die wie auch hier bei uns, Barmherzigkeit jeden Tag in viel Freude und Begeisterung leben. Sie helfen mit, dass selbst im elendsten Dunkel der Himmel aufgeht und leuchtet.  

Ihr Rainer Woelki
Erzbischof von Köln