14.03.2021 - 08:00

Wort des Bischofs Die geistliche Auszeit

Die Fastenzeit nutzen viele zu einer geistlichen Auszeit: Exerzitien. Das ist nicht immer so einfach. Kardinal Woelki meint: "Wenn man tatsächlich dem Willen Gottes folgen will, dann muss man da durch."

Die Fastenzeit nutzen viele zu einer geistlichen Auszeit: Exerzitien. Manche ziehen sich dazu in ein Kloster zurück. Manche versuchen, eine abgespeckte Version in den Alltag zu integrieren. Egal ob Kloster oder Alltag: Diese Auszeit soll dazu dienen, sich ganz bewusst Zeit zu nehmen, um mit Gott auf das eigene Leben zu blicken. Auch ich habe schon häufig Exerzitien gemacht. Nicht nur in der Fastenzeit, auch vor dem Empfang einer jeden Weihe gehörten sie in meinem Leben dazu. Und: wenn neue Aufgaben vor mir stehen oder tiefgreifende Lebensentscheidungen, oder einfach die Frage: „weiter so?“. Das bringe ich dann im Gebet vor Gott.

Zu Exerzitien gehört auch der ungeschönte Blick auf das Bisherige. Wo steht mein Leben mit Gottes Willen im Einklang? Und wo nicht? Was muss geändert werden? Dieser ungeschönte Blick kann sehr unangenehm sein. Nicht wenige, die Exerzitien machten, berichteten von einer quälenden Unruhe, fast einem Herzschmerz. „Doch es ist besser von der Wahrheit verletzt zu, als von einer Lüge getröstet“ – wie ein zeitgenössischer Schriftsteller klar erkannte. Eine andere bittere Beobachtung: „Die meisten Menschen haben vor einer Wahrheit mehr Angst, als vor einer Lüge“ – so ein anderer Schriftsteller.

Wenn man aber tatsächlich dem Willen Gottes folgen will, dann muss man da durch. Nicht stehenbleiben beim vordergründig Reizvollen und Wünschenswerten. Die Methode, die dabei hilft, die nennt sich: „Unterscheidung der Geister.“ Besonders ausgefeilt findet sie sich in einem Büchlein zur Anleitung von Exerzitien. Es geht auf den ersten Jesuiten und den großen Heiligen der Kirche, Ignatius von Loyola, zurück. Die Unterscheidung zwischen unangenehmer, aber am Ende frohmachender Wahrheit und vertröstender Lüge. Es wundert daher nicht, dass auch ein anderer großer Jesuit – Papst Franziskus – zu Unterscheidung der Geister aufruft. Immer wieder wendet er diese Methode nicht nur auf das persönliche Leben an. Wenn es nach Franziskus geht, dann ist das die richtige Methode, auch für kirchliches Handeln. Sein Pontifikat ist übrigens seit gestern acht Jahre alt. Nicht nur an diesem Punkt ist es inspirierend.

Ihr
Rainer Woelki
Erzbischof von Köln

(DR)