Schule im Blickpunkt
Schule im Blickpunkt

24.08.2016 - 10:00

Das Schulsystem auf dem Prüfstand Wer nicht fragt, bleibt dumm

Jede Generation lebt und hadert mit der Schule. Doch die Generationen werden unterschiedlicher, die Welt entwickelt sich schneller, während man bei der Schule den Eindruck hat, dass alles gleich bleibt. Aber ist das wirklich so?

Erik Koszuta hat sich ganz bewusst gegen das System Schule entschieden. Er war bis zur 10. Klasse auf einer Montessori-Schule und ist danach auf ein Regelgymnasium gewechselt: "Ich habe da als Mensch gar keine Rolle mehr gespielt", sagt er, "es ging nur noch darum, die Themen abzuarbeiten."

Dabei ist die Schule in den vergangenen 100 Jahren schon wesentlich schülerfreundlicher geworden. Herrschten Ende des 19. Jahrhunderts noch die militaristischen Grundsätze der preußisch geprägten Gesellschaft vor, wandte sich die Reformpädagogik zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehr dem Schüler als Mensch zu. Der Schüler sollte nun nicht mehr nur zuhören und Wissen abspeichern, sondern seine Neugierde, seinen Wissensdurst mit in das Unterrichtsgeschehen einbringen und seine eigenen Fragen stellen.

Die Aufgabe: Schüler rundum fit machen

Die Aufgabe, die der Schule im Leben eines Menschen zukommt, umreißt der Bildungsforscher Eiko Jürgens mit drei knappen Begriffen: "Ausbildung, Bildung und Erziehung – so steht es im Gesetz." Denn die Schule soll die Schüler auf der einen Seite mit so viel Wissen "versorgen", dass sie für den Start in das Berufsleben fit sind, sie aber auch "bilden", das heißt, "dass sie selber denken und die Dinge hinterfragen", so Eiko Jürgens. Nicht zuletzt soll auch Erziehung in der Schule eine Rolle spielen – und zwar nicht nur am Rand, sondern ganz zentral.

Wie man diese Aufgaben am Besten in einen Stundenplan umsetzt, daran scheiden sich die Geister. In den vergangenen Jahrzehnten hat es oft Bewegungen gegeben, neue Fächer einzuführen oder andere abzuschaffen – doch immer ohne Erfolg: "Man hat nichts gefunden, das für so ein Fach wegfallen könnte", sagt Eiko Jürgens.

Sinnvolle Auswahl oder altes Denken?

Einer der zentralen Kritikpunkte am Schulsystem ist auch die Frage, ob das dreigliedrige Schulsystem, das in Deutschland noch in vielen Regionen Standard ist, noch zeitgemäß ist. Das oft beschworene Gegenbeispiel ist Finnland – dort gibt es nur eine Schule für alle: "Das ist auch eine Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen", sagt die Bildungsforscherin Anne Klein, die sich mit dem finnischen System auseinandergesetzt hat. Das dreigliedrige System in Deutschland nennt sie "ein Relikt der Dreiklassengesellschaft 19. Jahrhunderts" und fordert dieses System auch in Deutschland. Dagegen sagt Dieter Smolka, langjähriger Schulleiter des Gymnasiums Hochdahl in Erkrath: "Man sollte da nicht so gezwungen eingleisig fahren. Sich zwischen unterschiedlichen Schulen mit einem unterschiedlichen Charakter entscheiden zu können – das ist okay."

Die Frage, ob das deutsche Schulsystem sich bewährt hat oder veraltet ist, kann so pauschal also nicht beantwortet werden. Der Charakter und die Qualität von Bildung in der Schule macht sich viel eher am Engagement einzelner und dem ganz individuellen Klima fest.

(Erstaustrahlung: 27.01.2016)