Sonnenuntergang hinter dem Petersdom
Sonnenuntergang hinter dem Petersdom

26.04.2017 - 06:00

Verschwörungstheorien rund um die katholische Kirche Von päpstlichen Schlapphutträgern und Geheimbünden

Seit Jahrhunderten gibt es zahlreiche Verschwörungstheorien und Spekulationen rund um die katholische Kirche. Beim genauen Hinsehen zeigt sich: Manche Geheimnisse haben einen wahren Kern, andere sind barer Unsinn.

Wurde Papst Johannes Paul I. ermordet? Waren die Tempelritter in Wahrheit eine heidnische Bruderschaft? Wie mächtig ist das geheimnisumwitterte Opus Dei? War Jesus in Wirklichkeit verheiratet und die Kirche vertuscht das? Der Theologe und Vatikanexperte Ulrich Nersinger ist mit den gängigen Verschwörungstheorien bestens vertraut. Er weiß, dass oft genug das ungeschickte Agieren der Kirchenleitung das Entstehen von Verschwörungstheorien zumindest begünstigte und historische Quellen in vielen Fällen falsch interpretiert wurden.

Ungeschickte Öffentlichkeitsarbeit und kleine Lügen

Ein Paradebeispiel dafür ist für den Buchautor der plötzliche Tod von Johannes Paul I. Nach nur 33 Tagen im Amt starb das 65-jährige Oberhaupt der Kirche 1978. Der Papst sei ermordet worden, hieß es damals schnell. Entweder, weil er so freundlich und liberal war oder weil er die Machenschaften rund um die Vatikan-Bank beenden wollte. Vatikan-Experte Ulrich Nersinger meint, dass hier alles zusammenkommt, das das Entstehen von Verschwörungstheorien begünstigt. Der plötzliche Tod des Papstes habe Fragen aufgeworfen – dann habe es in Italien der 1970er Jahre tatsächlich Verschwörungen gegeben.

Der ehemalige Ministerpräsident Aldo Moro wurde im gleichen Jahr von den Roten Brigaden entführt und ermordet, die Vatikan-Bank war in dubiose Geschäfte verwickelt und über allem schwebte die Mafia: "Wir haben in dieser Situation eine desaströse Informationspolitik des Vatikans gehabt. Aus gut gemeinten Sachen ist etwas entstanden, das dann einen fruchtbaren Boden für Verschwörungstheoretiker bereitet hat."

Als Beispiel führt der Vatikanexperte kleine "Unwahrheiten" an, die verbreitet wurden, weil der Vatikan nicht zugeben wollte, dass der verstorbene Papst von einer Ordensfrau in seinem Schlafzimmer gefunden worden war, eine Arbeitsakte noch in der Hand. Stattdessen wurde verbreitet, sein Privatsekretär habe ihn gefunden, der Papst sei beim Lesen eines frommen Buches gestorben. Doch diese Unwahrheiten hätte der Vatikan nicht lange aufrecht erhalten können, deswegen sei schnell die Frage aufgekommen, ob angesichts der kleinen Lügen hinter dem Tod nicht etwas Großes verborgen werden sollte. "Und dann sind die ersten Bücher erschienen, die über eine Verschwörung spekuliert haben und zu Bestsellern wurden", erzählt Ulrich Nersinger. Auch der Kinofilm "Der Pate III" habe den Eindruck bei vielen Menschen bestärkt, dass der Papst ermordet wurde.

Tatsächlich hatten die Kardinale mit Johannes Paul I. jemanden gewählt, der bereits herzkrank ins Amt kam und vermutlich einen Herzinfarkt erlitten hatte – eine Obduktion, die das hätte eindeutig klären können, hatte der Vatikan aber nicht angeordnet.

Päpstin Johanna hat es nie gegeben – aber einen erfolgreichen Roman über sie

Etwas anders sieht die Sache im Fall der Päpstin Johanna aus, erklärt Theologe Nersinger. Sie soll im 9. Jahrhundert gelebt haben und als Mann verkleidet zum Papst gewählt worden sein. Der Schwindel flog erst auf, als die Päpstin bei einer Prozession plötzlich in aller Öffentlichkeit ein Kind gebar. Für Historiker ist der Fall mittlerweile eindeutig, meint Ulrich Nersinger, denn die ersten geschichtlichen Quellen finden sich erst rund 400 Jahre nach ihrem Tod. "Es gibt allerdings Indizien, die man so deuten kann, dass es eine Päpstin gegeben hat – aber kein ernsthafter Historiker behauptet heute noch, dass sie gelebt hat", erklärt Nersinger.

Im 9. Jahrhundert habe es sehr starke Frauenpersönlichkeiten gegeben, die großen Einfluss auf Kirche und Päpste gehabt hätten. Von daher sei der gedankliche Schritt zu einer Päpstin nicht so groß gewesen. Außerdem gab es in der Liturgie zum Amtsantritts des neuen Papstes lange Zeit einen speziellen Toiletten-Stuhl, mit dem angeblich die Männlichkeit jedes Papstes nach der Päpstin überprüft werden sollte – doch die tatsächliche Verwendung des Stuhls bei der Liturgie ist nicht dokumentiert.

Auch die in Rom existierende Gasse "Vicus Papessa" sei nicht der Ort, wo die Päpstin Johanna ihr Kind bekommen habe. Der Name geht vielmehr auf eine römische Familie zurück und die Gasse wurde von den Päpsten nicht wegen des Vorfalls mit Päpstin Johanna gemieden, sondern weil sie zu eng für Prozessionen gewesen sei: "Man sieht daran, wie schnell man manche Dinge umdeuten kann", meint Ulrich Nersinger.

Die Kirche hält manche Geheimnisse ganz öffentlich geheim

Manche Verschwörungstheorien sind abstrus, andere Geheimnisse werden vom Vatikan bestätigt und manchmal sogar veröffentlicht. So ist das zum Beispiel bei den drei Geheimnissen von Fatima. Fatima liegt in Portugal und ist einer der wichtigsten Wallfahrtsorte der Katholischen Kirche. Vor hundert Jahren berichteten drei Hirtenkinder, dass ihnen die Gottesmutter Maria erschienen sei. Diese Erscheinung wiederholte sich mehrmals, teils vor tausenden Menschen. 1930 erkannte der zuständige Bischof die Erscheinungen offiziell an. Den drei Kindern wurden damals drei Geheimnisse von der Gottesmutter geoffenbart. Das letzte wurde im Jahr 2000 veröffentlicht.

Für den Historiker und Journalisten Michael Hesemann ist der Fall klar: "Fatima ist der größte Eingriff Gottes in die Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts." Die Vorhersagen der beiden ersten Geheimnisse seien eingetreten, nur beim dritten ist sich Hesemann nicht so sicher. Lange wurde es auf das Attentat auf Johannes Paul II. bezogen. Das war am Jahrestag der ersten Fatima-Erscheinung, am 13. Mai 1981 auf dem Petersplatz. Der Papst überlebte nur knapp. Doch es gebe auch Spekulationen, dass das dritte Geheimnis eine Dimension habe, die die gesamte Kirche betreffe. Ist also die Vorhersage noch gar nicht eingetreten? Hesemann meint: "Echte Prophetie muss man als Warnung verstehen, was passieren kann, wenn wir weiter so leben, als ob es keinen Gott gäbe." Ob sich das vergleichsweise allgemein gehaltene dritte Geheimnis noch erfüllt, bleibt also abzuwarten.  

Opus Dei versus Jesuiten – wer ist nun geheimer und mächtiger?

Etwas anders liegt der Fall bei der Personalprälatur Opus Dei. Die Laienorganisation gewährt recht wenige Einblicke in ihr Inneres, viele Mitglieder haben bürgerlich hoch angesehene Berufe, sind Ärzte oder Architekten. Das Bild von Opus Dei in der Öffentlichkeit prägt vor allem der Roman "Sakrileg" von Dan Brown. Für Vatikan-Experte Nersinger spielt ein Faktor eine besondere Rolle: "Die Mitglieder legen Wert auf Verschwiegenheit und das ist vielleicht gut für das Funktionieren einer Organisation – aber das ist natürlich auch wieder ein Nährboden für Verschwörungstheorien." Den Einfluss von Opus Dei auf Kirche und Welt hält Nersinger für überschätzt. Dafür spricht, dass als Gegenspieler von Opus Dei die Jesuiten gesehen werden – auch sie gelten als Elite der Katholischen Kirche. Wenn Opus Dei aber so mächtig ist – wie kann es dann mit Jorge Mario Bergoglio einen Jesuiten-Papst geben?

Eine komplizierte Welt mit einfachen Theorien erklären

Zahlreiche Verschwörungstheorien sind fast so alt wie die Kirche selbst. Für den Mythenforscher und Theologieprofessor Linus Hauser steht dahinter das große Bedürfnis der Menschen, hinter die Geheimnisse der Wirklichkeit zu blicken. Die Antworten der Religionen seien oft komplex und abstrakt. "Das Jenseits kann man sich schlecht vorstellen – da will man lieber eine Antwort haben, die einem näher ist, nämlich eine Antwort über unsere Wirklichkeit, die uns direkt eine Antwort auf all unsere Fragen gibt." Angesichts der zahllosen Mythen und Theorien, die im Internet verbreitet werden, wird in Zukunft die Zahl der Verschwörungstheorien noch steigen – auch wenn es Päpstin Johanna oder den Mord an Johannes Paul I. nie gegeben hat.

Mathias Peter

In der Audio-Datei im Anhang können Sie die domradio.de-Sendung zu den Verschwörungstheorien rund um die katholische Kirche anhören.

 

(DR)