12.04.2009 - 09:38

BWV 85 - 2. Sonntag nach Ostern Bachkantate am 26. April 2009

"Ich bin ein guter Hirt": Das ist die Überschrift der Kantate, die Johann Sebastian Bach für den heutigen 2. Sonntag nach Ostern, den Sonntag "Misericordias domini" komponiert hat. Und diese Kantate steht in ganz engem Zusammenhang zum Evangelium des Sonntags. Der Eingangssatz ist sogar wörtlich diesem Evangelium entnommen. Denn da heißt es: "Ich bin ein guter Hirt, ein guter Hirt lässt sein Leben für die Schafe".

Der Eingangssatz ist einer jener Jesuswort-Sätze für Bass, deren Form zwischen Arioso und Arie angesiedelt ist. Der zweite Satz weist darauf hin, dass Jesu Wort in seiner Passion wahr geworden ist. Besonders auffällig in diesem zweiten Satz sind die lebhaften musikalischen Figuren im Violoncello: Die folgende Choralstrophe wird vom Sopran leicht verziert gesungen. Die Melodie ist uns heute noch bekannt: Es ist die Melodie des Gotteslob-Liedes "Allein Gott in der Höh sei Ehr". Das einzige Rezitativ der Kantate, der vierte Satz, ist inhaltlich eine kurzgefasste Predigt. Auch in diesem Satz greift der Textdichter noch einmal ausdrücklich auf das Sonntagsevangelium zurück, in dem es heißt: "Der Dieb (in Bachs Sprache "Der Mietling") kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben." Mehrfach werden Textwendungen durch Streichermotive interpretiert und musikalisch hörbar gemacht: Satz 4Satz 5 ist in seiner gemäßigten Dreiertaktbewegung ein echtes Pastorale und der einzige Satz der Kantate, der auch musikalisch die Hirtenthematik des Textes unterstreicht. Durch die vielfachen Terzen- und Sextenparallelen strahlt der Satz Wärme und Innigkeit aus. Von diesem instrumentalen Untergrund hebt sich der stark textbezogene Gesang des Tenors ab, der nicht nur zu Anfang mit einem dreimaligen "Seht!" in relativer Höhe einsetzt, sondern auch im folgenden vielfach noch als höchste Stimme über den Instrumenten liegt und gegenüber dem beschaulichen Instrumentalsatz zum Träger ausdrucksvoll-beseelter Melodik wird. Der Satz selbst gehört sicherlich zu den eindrucksvollsten Arien, die Bach geschrieben hat: Ein schlichter Choralsatz auf die wenig bekannte Melodie des Kirchenliedes "Ist Gott mein Schild und Helfersmann" beschließt das Werk.  Bach hat die Kantate zum 15. April 1725 komponiert. Die Besetzung hält sich mit 2 Oboen, Streichern und Continuo im üblichen Rahmen. Ein Chor wird nur für den Schlusschoral benötigt.  Möglicherweise wurde aber auch dieser Chor von den Solisten mit übernommen. BWV 85: "Ich bin ein guter Hirt". Tölzer Knabenchor, Concentus musicus Wien, Leitung: Nikolaus Harnoncourt. Quelle: Alfred Dürr: Die Kantaten von Johann Sebastian Bach. Bärenreiter 1995.