24.06.2011 - 10:59

BWV 39 1. Sonntag nach Trinitatis

"Brich dem Hungrigen dein Brot": Das ist der Titel der Kantate, die Johann Sebastian Bach für den heutigen 1. Sonntag nach Trinitatis komponiert hat. Und mit dieser Kantate, die den Beinamen "Flüchtlingskantate" trägt, ist eine Legende verbunden.

Lange Zeit wurde behauptet, Bach habe dieses Werk im Jahr 1732 zum Festgottesdienst für die vertriebenen Salzburger Protestanten komponiert. Doch: Diese Behauptung bzw. Vermutung ist letztlich wirklich nur eine Legende, denn die Forschung hat inzwischen festgestellt, dass das Werk in Wirklichkeit schon zum 23. Juni 1726 geschrieben wurde. Möglicherweise wurde das Werk dann in der Tat im 1732 erneut aufgeführt, doch dies ist nicht mehr als eine Spekulation.

Der Text der heutigen Kantate knüpft - wie so oft bei den Kantaten Bachs - an den Text des Sonntagsevangeliums an, in dem das Gleichnis vom reichen Mann und vom armen Lazarus zu hören ist. Der Reiche, der zu seinen Lebzeiten dem Armen noch nicht mal die Essenreste zukommen ließ, dann aber nach seinem Tode in die Unterwelt kommt und dort starke Schmerzen leiden muss. In seiner Not bittet er Vater Abraham, er möge Lazarus schicken, damit er ihm etwas Wasser bringe. Doch diese Hilfe wird ihm verwehrt.

Hatten die Kantatendichter der früheren Werke zu diesem 1. Sonntag nach Trinitatis den Gegensatz "Armut - Reichtum" und den Ruf zur Buße angesichts der Ewigkeit in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen gerückt, so erkennt der Dichter dieses Mal im Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus die Aufforderung zu tätiger Hilfe dem Mitmenschen gegenüber und zu Dank für Gottes Gaben.

Die Kantate selbst besteht aus zwei Teilen: Der erste Teil wurde vor der Predigt aufgeführt, der zweite Teil danach. Beide Teile beginnen mit einem Bibelspruch, im ersten ist es ein Zitat aus dem 58. Kapitel des Propheten Jesaja. Da heißt es: "Das ist ein Fasten, wie ich es liebe: An die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die Obdachlosen ins Haus aufzunehmen; wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen."

Diese Einleitungssinfonie mit ihrer pausendurchsetzten Folge von Akkordblöcken der einzelnen Instrumentengruppen malt unverkennbar die Geste des Brotbrechens. An dieses alttestamentliche Wort schließt sich die Mahnung zur Nächstenliebe an.

Auch der zweite Teil wird durch ein Bibelwort eingeleitet, nämlich ein Zitat aus dem Hebräerbrief. Da heißt es: "Vergesst nicht, Gutes zu tun und mit anderen zu teilen; denn an solchen Opfern hat Gott gefallen." Hat der erste Satz in seiner Vollstimmigkeit gleichsam die Allgemeingültigkeit des Barmherzigkeitsgebotes vor Augen geführt, so glaubt man jetzt Christus selbst voller Eindringlichkeit reden zu hören.  

Es schließt sich der Dank für die empfangenen Gaben an, das Gelöbnis, Nächstenliebe zu üben, und die Bitte, selbst einst von Gott barmherzig aufgenommen zu werden.

Der Schlusschoral, die 6. Strophe des Liedes "Kommt, lasst euch den Herren lehren" von David Denicke, fasst diese Gedanken noch mal zusammen.
Die Musik selbst zeigt Bach auf der Höhe seiner Kunst. Dies erweist sich besonders an dem großangelegten Eröffnungschor. Seine 218 Takte bieten die ganze Vielfalt der kompositorischen Mittel auf, die Bach perfekt beherrscht.

BWV 39: "Brich dem Hungrigen dein Brot".
Knabenchor Hannover, Leonhardt-Consort, Leitung: Gustav Leonhardt.  

Quelle: Alfred Dürr: Die Kantaten von Johann Sebastian Bach. Bärenreiter 1995.