31.12.2010 - 13:50

BWV 32 - 1. Sonntag nach Epiphanie Bachkantate am 09. Januar 2011

Zur Zeit Johann Sebastian Bachs war am Sonntag nach Neujahr die Flucht nach Ägypten und der Kindermord das Thema des Evangeliums. Und so nimmt Johann Sebastian Bach dieses Thema zum Anlass, in seiner Kantate im allgemeinen Sinne von den Feinden des Christen zu reden. Wenn selbst Gottes eigener Sohn in jungen schon leiden muss, so darf der Christ getrost hoffen, dass auch sein Leiden einst enden und Gott ihm sein Himmelreich auftun wird. So lässt sich der Inhalt der Kantate "Schau, lieber Gott, wie meine Feind" zusammenfassen.

"Liebster Jesu, mein Verlangen": So hat Johann Sebastian Bach seine Kantate für den heutigen Sonntag überschrieben. Und: Die Kantate gehört zu denen, die Bach auf Texte des Darmstädter Hofpoeten Georg Christian Lehms komponiert hat. Uraufführung war der 13. Januar 1726.

Die Kantate lehnt sich eng an das Evangelium des Sonntags an, in dem davon berichtet wird, dass die Eltern Jesu zum Paschafest nach Jerusalem gehen und dort Jesus verlieren. Sie machen sich auf die Suche und finden ihn schließlich im Tempel.
Der Dichter gestaltet den Text als Dialog zwischen der Seele und Jesus.

Das bedeutendste Stück der Kantate ist zweifellos die Eingangsarie. Über kurzen Streicherakkorden spannt die Oboe weitgeschwungene, reichverzierte Melodiebögen, die dann im Gesangsteil vom Sopran aufgegriffen werden, so dass der Eindruck eines langsamen Konzertsatzes entsteht.

Der bangen Frage der Seele, die im Eingangssatz zu hören ist ("Liebster Jesu, mein Verlangen: Sage mir, wo find ich dich?"), antwortet Jesus mit einem Bibelwort, das von Bach in schlichtem Rezitativ vertont wird. Auffällig für diesen Satz ist, dass die vox christi wie im Passionston dem Bass zugewiesen ist und nicht einer Knabenstimmlage.

Die folgende Arie ist inhaltlich eine Bekräftigung des vorhergegangenen Bibelwortes, musikalisch ein Satz mit eigenständiger Violine, die mit  lebhaften, fast virtuosen Figuren die Bassstimme umspielt. Von besonderem Reiz sind die textbedingten Molleintrübungen auf die Worte "betrübter Geist".

Im Mittelpunkt des 4. Satzes steht wiederum ein freies Bibelzitat, das sich an den 84. Psalm anlehnt. Da heißt es: "Wie liebenswert ist deine Wohnung"... Diese Worte werden von Bach als schwärmerisches Arioso vertont, das einen der Höhepunkte der Kantate bildet.

Der fünfte Satz ist ganz von der Freude geprägt. So heißt es: "Nun verschwinden alle Plagen, nun verschwindet Ach und Schmerz. Nun vergnüget sich mein Herz".
Die unbeschwerte Fröhlichkeit  dieses 5. Satzes wird nun im Schlusschoral vertieft, der 12. Strophe des Liedes "Weg, mein Herz, mit den Gedanken", das Paul Gerhardt 1647 getextet hat.

BWV 32 "Liebster Jesu, mein Verlangen". Knabenchor Hannover, Leonhardt-Consort, Leitung: Gustav Leonhardt.

Quelle: Alfred Dürr: Die Kantaten von Johann Sebastian Bach. Bärenreiter 1995.