08.02.2010 - 10:27

BWV 18: Gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt Bachkantate am 7. Februar 2010

Die Entstehung der Kantate für den heutigen Sonntag fällt in Bachs Weimarer Jahre. Vermutlich hat er sie für den Sonntag Sexagesimae des Jahres 1715 komponiert. Überschrift der Kantate: "Gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt". Der Text knüpft an das Evangelium des Sonntags an. Nach evangelischer Leseordnung ist in den Gottesdiensten des heutigen Sonntags das Gleichnis vom Sämann zu hören. Ein Teil der Samen fällt auf den Weg und wird zertreten, ein anderer Teil wird von den Vögeln gefressen, ein Teil verdorrt, ein anderer Teil erstickt zwischen den Dornen. Einige Samenkörner aber fallen auch auf fruchtbaren Boden und bringen hundertfache Frucht.

Bach stellt dem mit einer einzigen Arie in seinen Gesangsteilen recht knappen Werk eine einleitende Sinfonia voran, die an einen Konzertsatz erinnert. Das Thema wird in den ersten vier Takten vorgestellt.Der Sinfonie folgt das Rezitativ, das sich wortwörtlich an den Propheten Jesaja anlehnt, bei dem es heißt: „Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt". Das Rezitativ wird vom Solo-Baß übernommen, und das nicht zufällig, denn die Bassstimme ist bei Bach immer die Stimmlage Christi.  Ganz typisch für Bachs frühe Kantaten: Auch dieses Rezitativ weist zahlreiche ariose Teilstücke auf. Der folgende Satz ist wieder ein Rezitativ, allerdings treten nun die Violen und Flöten harmoniefüllend hinzu. Der Satz gliedert sich in vier Teile: Jeder Teil beginnt mit einem Rezitiativ und mündet in ein Litaneizitat. Diese Zitate beginnen jeweils mit einer Bitte, vom Sopran gesungen, die Antwort „Erhör uns, lieber Herre Gott" kommt dann vom instrumentenverstärkten Chor. Die einzige Arie der Kantate, der vierte Satz, ist zweigeteilt und mit 42 Takten überraschend knapp gehalten, jedoch von großer Innigkeit und Wärme. Auch das ein Kennzeichen für Bachs frühe Kompositionen. Inhaltlich: Der Christ bekennt sich zu dem Schatz des Gotteswortes. Der Schlusschoral, die 8. Strophe des Liedes „Durch Adams Fall ist ganz verderbt" von Lazarus Spengler, der den Choral im Jahr 1524 geschrieben hat, ist als schlichter Choralsatz vertont. Das Bekenntnis des einzelnen Christen zu dem Schatz des Wortes Gottes wird hier nun zum Bekenntnis der ganzen Gemeinde. Verbunden mit der Bitte, Gott möge dieses Wort erhalten. Erst die Beauftragung Bachs in Weimar vom 2. März 1714 „monatlich neue Stücke aufzuführen", erlaubt, von den Weimarer Kantaten Bachs zu sprechen.  In den Jahren 1708 bis 1714 hat Bach im eigentliche Sinne keine Kantaten komponiert. Daher sprechen auch viele Gründe dafür, dass Bach die Kantate des heutigen Sonntags für das Jahr 1715 komponiert hat. Der Text stammt von Erdmann Neumeister und dieser Text weicht in seiner Struktur von den sonst bei Bach üblichen Texten ab. Zwei aufeinanderfolgende Rezitative, die Texteinwürfe aus den Litaneien, im Anschluss daran eine Arie und eine Kirchenliedstrophe: Das ist schon mehr als ungewöhnlich. Theologisch bietet der Text einen eng an die damalige Dogmatik angelehnten knappen Diskurs zum Thema des verkündigten Wortes Gottes in der Kirche. Kantate "Gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt", BWV 18: Wiener Sängerknaben, Concentus musicus Wien, Leitung: Nikolaus Harnoncourt. Quelle: Alfred Dürr, Die Kantaten von Johann Sebastian Bach, Bärenreiter 1995