26.08.2011 - 17:05

BWV 113 11. So. n. Trinitatis

Die Kantate für den heutigen Sonntag wurde von Johann Sebastian Bach zum ersten Mal im August des Jahres 1724 aufgeführt. Und wie die meisten anderen Kantaten, die der Thomaskantor in dieser Zeit komponiert hat, handelt es sich auch bei dieser Kantate um eine sogenannte Choralkantate. Das heißt: Bach nimmt ein bekanntes Kirchenlied seiner Zeit zur Grundlage seiner Komposition. Am heutigen Sonntag ist es das Bußlied von Bartholomäus Ringwald: "Herr Jesu Christ, du höchstes Gut". Und wie das Lied, so ist auch die Kantate überschrieben. Diese steht in engem Zusammenhang mit dem Evangelium des Sonntags, indem das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner erzählt wird. Beide gehen – so das Gleichnis – zum Tempel, um zu beten. Doch während der Pharisäer voller Selbstgerechtigkeit sein Gebet spricht, bittet der Zöllner um Vergebung seiner Sünden und um die Gnade Gottes".

Und genau um diese Vergebungsbitte geht es in der Kantate. Allerdings geht es nicht allein um den Zöllner, sondern letztlich um jeden Christen. Und so wirkt die Kantate stellenweise wie eine Predigt. Nicht nur der "Bußfertige Zöllner" aus dem Gleichnis und sein Ausspruch "Gott sei mir gnädig" wird erwähnt, sondern es werden auch noch andere Bibelstellen angeführt, um zu belegen, dass der Sünder auf die Gnade Jesu hoffen darf.

Der Eingangschor ist ein für Bach typischer Satz: Die Melodiestimme liegt im Sopran, die Unterstimmen begleiten in einem einfachen Chorsatz und ein selbständiger Orchestersatz rahmt die einzelnen Liedzeilen ein.  Der 2. Satz ist als Choraltrio komponiert und Freunden der Orgelmusik wird dieser Satz sehr bekannt vorkommen, denn Bach hat ihn später für die Orgel umgeschrieben und dann den sogenannten Schüblerschen Chorälen hinzugefügt.

Im schwebenden 12/8 -Rhythmus, begleitet von 2 Oben und Continuo, erklingt das Thema der ersten Arie, das immer noch - zumindest entfernt - an die Liedweise anklingt, nunmehr allerdings nicht mehr in Moll, sondern in trostvollem Dur. Auch die Singstimme greift dasselbe Thema auf. Mit ausgedehnten Auszierungen auf dem Wort "gewandelt" und später auf "Das Herz zerbräche" zeichnet Bach die im Text vorgegebenen Bilder musikalisch nach. Der 4. Satz ist ein Choral; der Bass singt die Liedmelodie, die fast unverziert bleibt. Umso auffälliger die Auszierung in der letzten Liedzeile auf das Wort "Jesu".  Ähnlich wie in der ersten Arie ist auch in der zweiten Arie, dem 5. Satz die Freude hörbar. Ganz besonders gestaltet sind die Worte am Ende der Arie "Dein Sünd ist dir vergeben". Bach möchte damit diese Aussage deutlich in den Vordergrund stellen.

Durch die Streicherbegleitung ist das folgende Rezitativ mit seinen Trostworten hervorgehoben. Sein Höhepunkt ist das "Gott sei mir gnädig", dass der bußfertige Christ dem Zöllner nachspricht. Wie so häufig, so lässt Bach auch diese Kantate mit einem einfachen vierstimmigen Choralsatz enden.

"Herr Jesu Christ, du höchstes Gott", BWV 113.
Knabenchor Hannover, Collegium Vocale Gent, Leonhardt-Consort,
Leitung: Gustav Leonhardt.

Quelle: Alfred Dürr: Die Kantaten von Johann Sebastian Bach. Bärenreiter 1995.