25.03.2011 - 15:25

BWV 106 Bachkantate am 10. April 2011

Noch vierzehn Tage bis Ostern, heute feiert die Kirche den sogenannten Passionssonntag. Und das heißt: Wir befinden uns nach wie vor mitten in der Fastenzeit und damit in der Zeit, in der zu Bachs Zeiten in Leipzig keine komponierte Kirchenmusik in den Gottesdiensten aufgeführt wurde. Dem Charakter dieser Zeit entsprechend. Und so steht heute eine Kantate im Mittelpunkt, die unter der Bezeichnung "Actus tragicus" bekannt geworden ist. Nämlich die Kantate "Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit". Johann Sebastian Bach hat sie wahrscheinlich im Jahr 1707 geschrieben, also zu seiner Zeit in Mühlhausen. Der Anlass war eine Trauerfreier. Möglicherweise die Trauerfeier seines Onkels Tobias Lämmerhirt, der am 10. August 1707 gestorben war und Bach 50 Gulden vermacht hatte.

Und auch wenn die Kantate zu den frühen Werken gehört, so ist Bach damit doch ein Geniestreich gelungen. Diese Kantate, die er im Alter von 22 Jahren komponiert hat, ist zu einem Stück Weltliteratur geworden.

Den Text der Kantate bilden in erster Linie Bibelwort und Kirchenlied und inhaltlich lässt das Werk deutlich zwei Teile erkennen: Das Sterben unter dem Gesetz und unter dem Evangelium. Der erste Teil weist, von allgemeinen Gedanken über Gott und die Zeitlichkeit ausgehend, mit wachsender Eindringlichkeit auf die Unausweichlichkeit des Todes hin. So heißt es zum Beispiel im zweiten Satz: "Es ist der alte Bund: Mensch du musst sterben":

Aber: Unter dem Evangelium hat der Tod seinen Stachel verloren. Er bringt nun die erwünschte Vereinigung mit Jesus, der der Mensch getrost entgegensehen kann. Das ist die Aussage des dritten Satzes, der diesen inhaltlichen Umschwung bringt, indem er Gesetz und Evangelium unmittelbar miteinander konfrontiert. Damit wird dieser Satz zum musikalischen Höhepunkt und zum Zentrum des Werkes.

Am Ende der Kantate steht der Choral als Symbol der von Christus gegründeten Kirche. Inhaltlich setzt er dem Verhältnis des Einzelchristen zu Gott den überindividuellen Begriff der christlichen Gemeinde entgegen. Der Satz beginnt mit dem Vortrag der einzelnen Liedzeilen in schlichtem Chorsatz, eingeleitet durch ein kurzes Instrumentalvorspiel und unterbrochen durch Zeilenzwischenspiele, die meist echoartig die jeweiligen Zeilenschlüsse ausgeziert wiederholen. Die Schlusszeile schließlich wird zur Fuge geweitet und nach einer jubelnden Schlusssteigerung klingt die Kantate mit einem Echo-Effekt der Flöten aus.

Das Instrumentarium der Kantate ist für Bach einzigartig. Eine im wahrsten Sinne des Wortes "Stille Musik", speziell für Trauerfeiern geeignet. 2 Blockflöten, 2 Gamben und Continuo. Dementsprechend bestand vermutlich auch der Chor nur aus wenigen Sängern.

BWV 106: "Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit."
Knabenchor Hannover, Collegium Vocale Gent, Leonhardt-Consort,
Leitung: Gustav Leonhardt.

Quelle: Alfred Dürr: Die Kantaten von Johann Sebastian Bach. Bärenreiter 1995.