26.08.2011 - 17:05

BWV 101 10. So. n. Trinitatis

Bei der Kantate "Nimm von uns, Herr, du treuer Gott", die Johann Sebastian Bach für den heutigen Sonntag komponiert hat, handelt es sich um eine sogenannte Choralkantate, d.h. Bach nimmt einen bekannten Kirchenchoral als Grundlage für seine Komposition. Im heutigen Fall ist es das 1584 zur Pestzeit gedichtete Lied von Martin Moller, das in Leipzig zu den Hauptliedern des Sonntags gehörte und eng mit dem Evangelium des Sonntags in Verbindung steht. Jesus kündigt die Zerstörung Jerusalems an und vertreibt die Händler aus dem Tempel.

Der uns unbekannte Verfasser des Kantatentextes behält die Strophen 1,3,5 und 7 des Kirchenliedes im Wortlaut bei und dichtet die Strophen 2,4 und 6 zu je einer Arie um.

Der Eingangschor ist für Bach von der Form her sehr typisch: Die Liedmelodie liegt im Sopran, die Singstimmen sind eingefügt in einen eigenthematischen Orchestersatz von 2 Oboen, Streichern und Continuo. Die Singstimmen werden durch einen Posaunenchor verstärkt, die Melodiestimme durch eine Querflöte mitgespielt.

Immer wieder nimmt der Dichter die Möglichkeit wahr, unmittelbare Anspielungen auf die Evangelienlesung einzustreuen, am deutlichsten wird dies im 2. Satz, in dem es heißt: "dass wir nicht durch sündlich Tun wie Jerusalem vergehen". Die Anspielung auf die Zweckentfremdung des Tempels durch die Händler. Besondere Mühe gibt sich Bach in diesem Satz mit der Textausdeutung: Haltetöne auf "ruhn", aufsteigende Motive, sobald vom "Höchsten" die Rede ist, Seufzermotive auf das Wort "Flehen" und absinkende Melodielinien auf "vergehen".

Die zweite Arie der Kantate, der vierte Satz, ist von ganz ungewöhnlicher Form. Der Grund: Bach bemüht sich, eine leidenschaftlich-dramatische, konzertante Arie mit dem teils vokalen, teils instrumentalen Zitat sämtlicher Choralzeilen zu kombinieren:

Als musikalischer Höhepunkt der Kantate darf wohl der 6. Satz, das Duett, gelten. Diese Arie verlangt zwei Singstimmen  - Sopran und Alt - und zwei Soloinstrumente - Flöte und Oboe. Dieses Ensemble wurde offensichtlich mit der Absicht gewählt, eine Art doppeltes Duett zu schaffen, wobei sich den Singstimmen ein Holzbläserpaar in verwandten Lagen hinzugesellt. Das Ergebnis ist ein dichtes musikalisches Geflecht im fünfstimmigen Satz. Der Gebrauch des 12/8-Taktes und die vorherrschenden punktierten Rhythmen definieren diesen Satz als sogenanntes Siciliano, also als einen langsamen Tanzsatz, der eine sanfte, pastorale Stimmung hervorruft. Passend zum Inhalt des Satzes, in dem an Jesu Tod, durch den die ganze Welt erlöst wurde, erinnert wird.

"Nimm von uns, Herr du treuer Gott", BWV 101. Tölzer Knabenchor, Concentus musicus Wien, Leitung: Nikolaus Harnoncourt.

Quelle: Alfred Dürr: Die Kantaten von Johann Sebastian Bach. Bärenreiter 1995.