17.09.2010 - 15:45

16. Sonntag nach Trinitatis - BWV 27 Bachkantate am 19.09.2010

Im Evangelium zum heutigen 16. Sonntag nach Trinitatis war zur Zeit Johann Sebastians Bach von der Auferweckung des Jünglings zu Nain zu hören. Jesus kommt in eine Stadt: Als er am Stadttor ist, trägt man gerade einen Toten heraus. Jesus hat Mitleid mit der Mutter des Toten. So geht er zur Bahre und sagt dem Toten: „Ich befehle dir junger Mann: Steh auf!“ Und: Der Tote richtete sich auf und war wieder lebend.

Der unbekannte Textdichter dieser von Bach erstmals am 6. Oktober 1726 aufgeführten Kantate knüpft an diesen Schrifttext an. Die Auferweckung des Jünglings von Nain als Anlass, den eigenen Tod zu bedenken und ihn als Ziel des Lebens zu erkennen.

Im 1. Satz wird der einfach gestaltete Chorsatz zeilenweise in einen thematisch selbständigen Orchestersatz eingefügt. Die Melodie ist uns bekannt durch den Choral: "Wer nur den lieben Gott lässt walten".

Dem Eingangssatz folgt ein Rezitativ und dieses führt zur Alt-Arie, dem 3. Satz der Kantate. Und mit diesem 3. Satz verändert sich die Stimmung. Wurde bisher der Tod eher mit Sorgen betrachtet, wird er in den Sätzen 3 und 4 willkommen geheißen, ja fast schon herbeigewünscht. Der Textdichter greift hier auf den Philipper-Brief zurück, in dem es heißt: "Ich sehne mich danach, aufzubrechen und bei Christus zu sein - um wie viel besser wäre das!" Von den Instrumenten her hat Bach diese Arie recht ungewöhnlich besetzt: Oboe da caccia, Cembalo und Continuo. Die Melodie ist sehr eingängig, fast liedhaft, wodurch der Reiz der ungewöhnlichen Instrumentierung noch verstärkt wird.

Das folgende Rezitativ wird von Streichern begleitet, im allgemeinen mit gehaltenen Akkorden. Den zweimaligen Ruf "Flügel her" gestaltet Bach musikalisch aus, in dem er die Violine eine Tonleiter nach oben spielen lässt und so das "Hinaufsteigen" bzw. "Hinauffliegen" hörbar macht.

Die jetzt folgenden Sätze 5 und 6 besiegeln den Abschied von der Welt. Die Bass-Arie, der fünfte Satz, entwickelt die Thematik aus den gegensätzlichen Begriffen "Gute Nacht" und "Weltgetümmel". Wenn von der "Guten Nacht" die Rede ist, ist die Musik sehr ruhig gestaltet, ist vom "Weltgetümmel" die Rede, ist der Satz sehr lebhaft.

Mit einem einfachen Choralsatz hat die Kantate begonnen und mit einem einfachen Choral lässt Bach seine Kantate auch enden. Und zwar mit der 1. Strophe des Liedes von Johann Georg Albinus: "Welt ade, ich bin dein müde".

Der Reiz der Kantate beruht auf einer gewissen Einfachheit, beinahe Kindlichkeit, die zu dem ernsten Thema des Todes in sicherlich bewusstem Gegensatz steht. Schon der Text deutet das an, da Gott im ersten und auch im fünften Satz als "der liebe Gott" bezeichnet wird, und die Musik verstärkt den Eindruck durch die Schlichtheit der beiden Choralsätze am Anfang und am Ende.

BWV 27: "Wer weiß, wie nahe mir mein Ende". Wiener Sängerknaben, Concentus musicus Wien, Leitung: Nikolaus Harnoncourt.

Quelle/ Literatur: Alfred Dürr: Die Kantaten Johann Sebastian Bachs. Bärenreiter, 1995