28.09.2014 - 06:30

15. Sonntag nach Trinitatis BWV 138: "Warum betrübst du dich, mein Herz“

Bachs Kantate, die er für den heutigen Sonntag komponiert hat, gleicht an vielen Stellen einer Choralkantate. Also einer Kantate, die einen bekannten Kirchenchoral zur textlichen Grundlage nimmt und entsprechend vertont. Auch bei der heutigen Kantate, der Kantate „Warum betrübst du dich, mein Herz“, ist dies an vielen Stellen der Fall.

Aus dem gleichnamigen 14 strophigen Lied verwendet Bach 3 Strophen. Das ist aber zugleich der Grund, warum diese Kantate eben nicht im eigentlichen Sinn zu den Choralkantaten zählt. Denn es finden eben nur drei Strophen Verwendung und nicht alle 14.

 

Inhaltlich lehnt sich die gesamte Dichtung mehrfach an das Sonntagsevangelium an, der Stelle aus der Bergpredigt, wo Jesus seine Zuhörer auffordert, nicht kleingläubig zu sorgen und zu denken, sondern nach dem Reich Gottes zu trachten.  Darüber hinaus versäumt es der Dichter nicht, weitere biblische Wendungen in die Kantate einzuflechten. Beispiel: Der Eingangssatz. Hier wird aus dem 7. Kapitel des Römerbriefes zitiert: „Wer wird mich noch erlösen vom Leibe dieser Welt.

 

Auch der zweite Satz, das Rezitativ, hat einen Bibelvers zur Grundlage, nämlich Psalm 42: „Tränen waren mein Brot bei Tag und bei Nacht; denn man sagt zu mir den ganzen Tag: Wo ist nun dein Gott“? In Satz drei dann die direkte Anknüpfung an das Evangelium und an den 147. Psalm, wenn es heißt: „Er gibt den Vögeln seine Speise, er sättigt die jungen Raben“.

 

Insgesamt gesehen ist die Komposition so ungewöhnlich, wie der Text. Der große Eingangskomplex mit seinem ständigen Wechsel von Choralzeilen und Rezitativ ist nicht nach einem einzigen Schema, sondern in freier Abfolge gestaltet. So legt zum Beispiel die Textstruktur es nahe, den Beginn als Dialog – etwa zwischen der Furcht und der Hoffnung - zu verstehen.

 

Ebenso wie Satz 1 bis 3 eine Einheit bilden, so gehen auch die Sätze vier und 5 unmittelbar ineinander über: Auf ein Rezitativ folgt die liedhaft tänzerische Bass-Arie mit Streicherbegleitung.

 

Wenige Rezitativ-Takte, die sich wiederum der Arie anschließen, leiten über zum Schlusschoral, dessen einfach gehaltener, leicht polyphon aufgelockerter Chorsatz zeilenweise in einen eigenthematischen Orchestersatz eingefügt ist.

 

Die Kantate ist im September 1723 entstanden. Der Choral, den Bach zur Grundlage seiner Komposition macht, wurde vermutlich von Hans Sachs geschrieben, Entstehungszeit dürfte das Jahr 1561 gewesen sein.

 

BWV 138: „Warum betrübst du dich, mein Herz“. 
Tölzer Knabenchor, Concentus Musicus Wien, Leitung: Nikolaus Harnoncourt.

 

Quelle: Alfred Dürr: Die Kantaten von Johann Sebastian Bach. Bärenreiter 1995.