15.08.2008 - 17:13

13. Sonntag nach Trinitatis - BWV 164 Bachkantate am 17. August 2008

"Ihr, die ihr euch von Christo nennet": So hat Johann Sebastian Bach seine Kantate für den heutigen 13. Sonntag nach Trinitatis überschrieben. Zur Zeit Bachs war heute in den Gottesdiensten das Gleichnis vom barmherzigen Samariter zu hören und die Aufforderung Jesu, die sich daran anschließt: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele und deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst." Salomon Franck hat den Text zur heutigen Kantate geliefert und Franck hält sich in seiner Dichtung eng an das Sonntagsevangelium, insbesondere an den zweiten Teil.

Während die Liebe zu Gott unerwähnt bleibt, wird die Barmherzigkeit dem Nächsten gegenüber dringend gefordert. So heißt es gleich im ersten Satz: „Ihr, die ihr euch von Christo nennet, wo bleibet die Barmherzigkeit?"Im 2. Satz, dem Rezitativ, wird vor allem ein Satz aus der Bergpredigt musikalisch besonders hervorgehoben: „Die mit Barmherzigkeit den Nächsten hier umfangen, die sollen vor Gericht Barmherzigkeit erlangen". Bach gestaltet diese Textpassage als Arioso:  Fast hat man bei diesem Satz und der liedhaften Melodik den Eindruck, Bach habe hier eine Choralmelodie verwendet. Allerdings ist dies eine reine Vermutung, denn bislang ist noch keine Melodie ermittelt worden, die dafür in Frage käme. Besonders reizvoll ist jetzt der folgende dritte Satz, die Alt-Arie. Hinzuweisen ist hier auf die Seufzermelodik in den Querflöten, die den Text, der von Liebe und Erbarmen handelt, versinnbildlichen soll. Ein durch die Streicherbegleitung eindringlich gestaltetes Rezitativ führt zur dritten Arie des Werkes, einem Duett von Sopran und Bass. Auch dieser Satz ist sehr kunstvoll gestaltet: Der Text ist auf die ersten drei Gesangsabschnitte verteilt, der vierte Abschnitt, der auch musikalisch eine Wiederholung des ersten andeutet, fasst noch einmal den gesamten Text zusammen. Den Abschluss bildet die letzte Strophe des Liedes „Herr Christ, der einig Gotts Sohn", das Elisabeth Creutziger 1524 getextet hat. Bach hat diese Strophe als schlichten, vierstimmigen Choralsatz vertont und dieser Satz ist der einzige in der Kantate, bei dem ein vierstimmiger Chor zum Einsatz kommt. Alle anderen Sätze sind solistisch besetzt. Und möglicherweise hat Bach sogar diesen letzten Satz durch vier Solisten und eben nicht durch den Chor singen lassen. Bach hat die heutige Kantate für den 26. August 1725 komponiert. Die Komposition entspricht in ihrer geringstimmigen Besetzung dem kammermusikalischen Typ, wie Bach ihn für Francks Kantaten bereits 1715 verwendet. BWV 164: „Ihr, die ihr euch von Christo nennet". Tölzer Knabenchor, Collegium Vocale Gent, Leonhardt-Consort, Leitung: Gustav Leonhardt. Quelle/ Literatur: Alfred Dürr: Die Kantaten Johann Sebastian Bachs. Bärenreiter, 1995