Mann im Gebet
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Franziskanerin aus Olpe: Sr. Katharina
Franziskanerin aus Olpe: Sr. Katharina

10.05.2019 - 08:00

Osterimpuls von Schwester Katharina Blick auf sich selbst und nicht auf andere

Es ist leicht, die Fehler bei anderen zu sehen. Und dann nicht kritisieren, nicht korrigieren oder verbessern, das ist gar nicht so einfach. Aber Schwester Katharina hat hier wieder Papst Johannes XXIII. als Vorbild.

Im vergangenen Impuls hatte ich Ihnen schon mal vom Dekalog der Gelassenheit von Papst Johannes XXIII. erzählt. Viele schöne Geschichten sind über ihn bekannt. Er war ein Mann von großer Weisheit, aber eben auch von herzlichem Humor. Als er Nuntius in Frankreich war, war er zu einem Abend in der Académie française eingeladen. Der Nuntius hatte einen beachtlichen Körperumfang und pflegte darüber auch gern Witze zu machen. Nun wurde er also in das Auditorium geleitet und zu seinem Platz gebracht. Edle und fein geschnitzte, aber sehr schmale Stühle standen dort – und seufzend, aber mit einem schelmischen Schmunzeln bemerkte er: Der Abend wird sicher sehr schön werden, leider erlaubt das Mobiliar das Sitzen nur einem halben Nuntius. Jeder in der Umgebung dachte mit Schrecken, wie peinlich das jetzt sein würde. Aber stattdessen stimmte alles ringsum in das herzliche und dröhnende Lachen ein – und die Situation war gerettet. Er hatte sich mal wieder selbst auf die Schippe genommen.

Das zweite Gebot seines Dekalogs der Gelassenheit heißt nämlich: "Nur für heute werde ich mit größter Sorgfalt auf mein Auftreten achten. Ich werde niemanden kritisieren, werde nicht danach streben, andere zu korrigieren oder zu verbessern. Nur mich selbst".

Oh je, da muss ich mir eine Scheibe abschneiden. Oder geht es Ihnen da besser? Ich merke immer ziemlich schnell, wo die Fehler bei den anderen liegen, wo eine Arbeit nicht so gut gemacht worden ist, wo das Auftreten oder eine Präsentation nicht so perfekt war, wo das Essen versalzen oder der Tisch nicht sorgfältig gedeckt ist. Und dann nicht kritisieren, nicht die anderen korrigieren oder verbessern – das ist eine Aufgabe. Und stattdessen immer wieder schauen, was ich selber besser machen kann, wo ich selbst ziemlich daneben war. Das ist Mühe, oder auch: Eine Aufgabe für heute, weil mir das zum Beispiel in diesem Dekalog so gut gefällt. Jeder Satz beginnt mit dem "nur für heute". Das ist doch zu schaffen, oder?

(DR)