Können religiöse Menschen eher verzeihen?
Sind religiöse Menschen glücklicher?

06.04.2020 - 06:00

Morgenimpuls von Schwester Katharina "Anerkennen, was ist, statt auflisten, was fehlt"

Eigentlich wäre das Kloster von Schwester Katharina jetzt voller Abiturientinnen. Und diese würde Schwester Katharina mit einem Text beruhigen, der auch wunderbar in die Corona-Zeit passe. 

Gestern hat mit dem Palmsonntag die Karwoche angefangen, diese besondere Woche auf Ostern zu, in der wir das Leben, Leiden und Sterben Jesu noch einmal besonders erleben. Normalerweise würden wir heute vielleicht 30 Abiturientinnen im Mutterhaus haben, die sich mit Büffeln und Beten aufs Abitur vorbereiten würden. Nun geht das zurzeit nicht wegen des Gebotes, Abstand zu halten und zum Schutz unserer älteren Schwestern.

Aber mir fällt schon auf, dass gerade jetzt viele Menschen zu Hause leben und arbeiten müssen und es ziemlich schwer fällt, den richtigen Rhythmus zu finden. Der klösterliche Wechsel von Gebet, Arbeit, Mahlzeiten und Freizeit hat den letzten Jahrgängen von Abiturienten immer sehr gut getan und viele haben gesagt, dass genau das es war, was ihnen so geholfen hat, sich zu konzentrieren: Mit einem Gebet oder Lied den Lerntag anfangen, nach festem Rhythmus arbeiten, also eineinhalb Stunden, dann eine Pause, dann wieder arbeiten, Mittagessen mit Tischgebet und 30 Minuten Spaziergang. Und dann nochmals zwei Stunden Arbeit und dann Kaffee und Ausklang mit Gebet, Lied oder Text, das Lernen offiziell für den Tag abschließen.

Und immer hab ich die Lernwoche mit den Jugendlichen mit einem Text von Max Feigenwinter begonnen, den ich Ihnen hier gern mitgeben möchte. Er schreibt: Wenn alles gelingen muss, nur das Beste genügt, nur das Vollständige zählt, nur das Schnellste gesehen und das Schönste anerkannt, nur das Perfekte befriedigt und nur das Vollkommene berücksichtigt wird - dann machen wir einander das Leben zur Hölle. Wir werden sehr viel erreichen, zufrieden und glücklich sein, wenn wir anerkennen, was ist, statt auflisten, was fehlt. Wenn wir tun, was wir können, statt fordern, was unmöglich ist, wenn wir einander dankbar sind, statt zu meinen, alles sei selbstverständlich. Wenn wir Ja sagen zu unseren Fehlern und Mängeln und uns freuen an dem, was gelingt.

Beim ersten Lesen dachte ich jetzt fast, es sei für unsere Zeit der Corona-Epidemie geschrieben. Aber es ist nicht mehr ein ganz junger Text und passt eigentlich immer. Also: Wir werden viel erreichen, zufrieden und glücklich sein, wenn wir anerkennen, was ist, statt auflisten, was fehlt, wenn wir tun, was wir können, statt fordern, was unmöglich ist.

(DR)