20.06.2015 - 09:50

Mit dem Wildwuchs planen Wenn‘s im Garten keimt und sprießt

Blumen und Kräuter, die ihren eigenen Dickkopf haben, setzen diesen gerade in feuchten Wochen gerne durch – warum ihn sich nicht zu eigen machen, und sie als Gartengestalter verpflichten?

Vor allem wenn es im Frühling und Sommer reichlich regnet, dann keimt und sprießt es überall, und wir armen Gärtner kommen kaum hinterher, unseren Garten in Ordnung zu halten. All das wilde Kraut wächst halt nicht nach Plan. Ordentlich sehen nur die Gärten und Vorgärten aus, in denen Kies oder Rindenmulch oder der vom Rasenroboter geschorene Rasen dominieren. Also die Gärten, aus denen die Natur verbannt wurde.

„Die Menschheit hat die Natur in Nationalparks und geschützten Biotopen gerettet, da brauchen wir sie nicht auch noch neben der Terrasse, scheint das Credo von Gartenbesitzern zu lauten, die gerade ihren Kindern das Geräusch einer Biene auf der Tierstimmen-App vorspielen und nebenbei eine neue Landlust-Ausgabe in ihren Lounge-Möbeln genießen. Waren wir von der Natur jemals weiter entfernt als heute?“

..schreiben die Verfasser des Buches „Blackbox-Gardening“, in dem es darum geht, nicht gegen sondern mit der Natur zu gärtnern. Und das heißt: Wenn sich eine Pflanze bei uns wohl fühlt und sich breit macht, warum sie nicht in die Gartengestaltung einbeziehen?

Was wächst wo?

Der kluge Gärtner schaut erst mal genau hin, was denn da wo wild wächst. Der britische Ökologe John Philip Grime unterscheidet Pflanzen nach der Art, wie sie sich ausbreiten. So gibt es die konkurrenzstarken, die sich an einem Standort mit optimalen Bedingungen behaupten, und es gibt die stresstoleranten, die trotz Defiziten an Licht, Feuchtigkeit und Nährstoffen wachsen können. Andere kommen gut mit Störungen zurecht, treiben auch bei harten Attacken wieder aus oder überschütten die Welt mit reichlich Samen.

In diesem Frühjahr haben sie alle regelrecht Oberwasser und keimen und wuchern überall. Natürlich macht es wenig Sinn, der Natur ihren vollen Lauf zu lassen. Aber gerade mit den Pflanzen, die sich gern selbst aussäen, lassen sich wunderbare Gärten gestalten. Dazu gehören nicht unbedingt Giersch und Ackerwinde, die man nie wieder los wird. Aber es gibt ja auch die vielen Pflanzen, die wir vielleicht sogar selbst in den Garten geholt haben und deren Nachwuchs sich nun wild ausgebreitet hat. Welche kann man wo gut einplanen?

Für Fugen, Kies und Splittbeete eignen sich gut Frauenmantel, Löwenmaul, Spornblume, Stockrose und Natternkopf. Im Beet finden Akelei, Glockenblume, Jungfer im Grünen, Fingerhut oder rotblättriger Fenchel leicht ihren eigenen Weg. Abwechslung in ausgesprochen sonniger Lage bringen Schafgarbe, Färberkamille, Himmelsleiter, Wiesenstorchschnabel und Königskerze. In eher schattige Lage gehören Lerchensporn, Lungenkraut und Scheinmohn, aber auch viele Zwiebel- und Knollengewächse wie Winterling, Cyclamen oder die bei den Engländern so beliebten Bluebells.

Black Box Gardening

Also: Pflanzen haben ihren eigenen Dickkopf, was sie gerade im feuchten Frühsommer zeigen, warum ihn sich nicht zu eigen machen, und sie als Gartengestalter verpflichten? „Black Box Gardening“ heißt das neuhochdeutsch. Was meint: man muss die Pflanzen zunächst nicht verstehen, warum sie wo wachsen, aber man kann es nutzen. Das Verstehen kommt dann noch. Der französische Mathematiker und Philosoph René Thom schrieb: „Der einzig denkbare Weg, um das Innere einer Black Box aufzudecken, ist, damit zu spielen.“  (Claudia Vogelsang / St.Q.)

 

Buchtipp:

Blackbox-Gardening. Mit versamenden Pflanzen Gärten gestalten. Von Jonas Reif, Christian Kreß, Jürgen Becker. Ulmer Verlag, 2014.