Glanz des Frauenmantels
Glanz des Frauenmantels

29.06.2013 - 09:50

Frauenmantel mit Lotuseffekt Er hebt es auf des Himmels Tau

Bei dieser Art Sommerwetter, wenn immer wieder, wie auch noch an diesem Samstag, Schauer übers Land ziehen, dann trumpft er auf, der Frauenmantel. Noch Stunden, ja fast Tage nach dem letzten Regen, kullern sich die Regentropfen wie Perlen auf seinen Blättern, verleihen Glanz und Aufmerksamkeit. Dabei ist der Frauenmantel ein genügsames, fast lästiges Kraut im Garten, doch jetzt wenn er blüht, scheint der Frauenmantel die ideale Pflanze am Rande der Beete, unter den Rosen und überhaupt. Und seine Blütenfarbe grüngelb ist sogar richtig trendig.

Die einzelne Blüte des Frauenmantels ist eher unscheinbar, es ist die Summe der Blüten, die seine Pracht ausmacht. Seine Heimat ist die Alte Welt, von Europa über Ostafrika und Asien bis ins ferne Japan. Frauenmantel mag Sonne, feuchte Beete und Wiesen und wird auf diesen gern vom Vieh gefressen. Wo er sich wohlfühlt, breitet er sich durchaus raumgreifend aus, aber das hat man als Gärtner gut im Griff. Seinen Namen verdankt der Frauenmantel der Form seiner Blätter, die sich wie ein Frauenmantel um die Blütenstängel legen. So hat er auch das christliche Attribut der Gottesmutter Maria, die mit ihrem Mantel Schutz gibt.

Glanz dank Lotuseffekt

Wenn man morgens nach einer taufrischen oder regnerischen Nacht die Zeitung aus dem Briefkasten holt, dann fällt der Blick sofort auf die dicken, kullernden Tau- und Regentropfen auf den Blättern des Frauenmantels. Und wenn sich das Licht der Morgensonne darin bricht, ist es ein Strahlen, ein Glanz, als hätte jemand diamantene Perlen ausgestreut. Es ist der Lotuseffekt, der hier am Werke ist. Und der nicht nur den Gärtner, sondern auch Biologen, Chemiker und Physiker gleichermaßen begeistert.

Wenn Wassertropfen auf einen Oberfläche treffen, breiten sie sich gern aus und benetzen die ganze Oberfläche, das nennt man Adhäsion. Es gibt aber Blattoberflächen, die aufgrund einer komplizierten Struktur wasserabweisend sind. So breiten sich Tau oder Regen nicht aus, sondern kugeln sich zusammen, was sie eh am liebsten tun.
Dieser Lotuseffekt beim Frauenmantel hat einen bestimmten Nutzen: die Blätter sind dadurch selbstreinigend, das Wasser perlt ab und nimmt den Schmutz mit.

Tropfen auch von innen

Den Lotus- oder Selbstreinigungseffekt gibt es auch bei Kapuzinerkresse, Weißkohl oder eben bei der namensgebenden Lotosblume und wurde längst in der Technik nachgeahmt. Beim Frauenmantel kommt noch ein zweites Phänomen hinzu: ist die Pflanze von Wasser gesättigt, drückt sie durch die Blattränder Wassertröpfchen von innen nach außen, damit Nährstoffe weiter transportiert werden können. Guttation heißt das und die Tröpfchen heißen deshalb Guttationströpfchen. Angeblich, so der Volksmund, gibt es Gewitter, wenn sie erscheinen. Und diese Tröpfchen gaben dem Frauenmantel seinen botanischen Namen Alchemilla.

Alchemilla leitet sich von Alchemie ab, heißt übersetzt ungefähr „kleine Alchemistin“. Im Mittelalter sollen die Alchemisten die Guttationstropfen für ihre Experimente verwendet haben, um den Stein der Weisen zu finden, bzw. Gold zu gewinnen.
Seit dem Mittelalter gilt der Frauenmantel jedenfalls auch als Heilkraut. Laut dem ersten deutschen medizinischen Kräuterbuch von Bernhard von Breidenbach soll man Frauenmantel und andere Kräuter aufkochen, eine zerquetschten Regenwurm untermischen und den Sud gegen blutende Wunden aller Art trinken.

Labsal für Elfen

Laut heutigen Kräuterbüchern helfen die ätherischen Öle des Frauenmantels vor allem bei Durchfallkrankheiten. Aber es sind eben vor allem die Tropfen auf und an den Blättern, weshalb der Frauenmantel von Mythen umgeben ist. Schon bei den Germanen galten sie als die Tränen der Muttergöttin Frigga, die ihrem Gatten Odin nachweinte. Und die Druiden nutzten die Guttationstropfen für ihre Rituale.
Für uns kann es schon ein heilsames Ritual sein, den Frauenmantel in der Frühe zu bestaunen, uns an ihm zu laben, so als seien wir eine durstige Elfe. Denn wie schrieb der Dichter Johannes Trojan über den Frauenmantel:

… So hebt es auf des Himmels tau,
der niedersinkt auf Flur und Au`,
Manch Elflein gegen Morgen kommt,
das dürstet, dem zu trinken frommt,
Schöpft aus dem Schüsselchen und spricht:
Ein bessres Labsal gibt es nicht.