26.11.2016 - 09:50

Die Weißtanne ist in der Weihnachtszeit tief verwurzelt Labsal für die Seele

Seit Urzeiten ehren die Menschen die heimische Tanne. Obwohl sie so wuchtig und dunkel daherkommt, wird ihr nur Gutes zugeschrieben, weil sie wie die Seele zum Himmel drängt. Und immer schon gehörten ihre immergrünen Blätter zur Weihnachtszeit dazu.

Satt grün und herrlich duftend. So muss er sein, der richtige Weihnachtsbaum, so muss er sein, der richtige Adventskranz. Früher war er auch so – als er noch aus den Zweigen der echten Weißtanne gebunden wurde.

Die Weißtanne oder Edeltanne „Abies alba“ mit der hellgrauen Rinde, gehört zu den heimischen Baumarten. Doch ihr Bestand hat in den letzten 200 Jahren stetig abgenommen. Drei Gründe sind es vor allem: der bevorzugte Anbau der Fichte, die lange als wirtschaftlicher galt, der Fraß des Wildes, denn junge Weißtannen sind ein Leckerbissen, und die Schadstoffe, denn die Weißtanne ist empfindlich gegen die komplexen Umweltstörungen, besonders gegen Schwefeldioxid.

Die Weißtanne spielt im Wald eine wichtige Rolle

Im 20. Jahrhundert und besonders mit dem Waldsterben in den 70er Jahren stahl sie sich davon, die Weißtanne. Dabei spielt dieser Gigant des Waldes eine besondere Rolle, er ist gesellig, mag die Nachbarschaft anderer Baumarten, seine Wurzeln durchdringen tiefe Böden, speichern Wasser, halten Stürme aus, junge Weißtannen gedeihen für lange Jahrzehnte auch im Schatten, und so manche Tierart fühlt sich wohl in der Nähe.

Trotzdem: die Weißtanne wurde rar im Wald, gerade als ihre Karriere als Weihnachtsbaum begonnen hatte. Und so wurde sie auch rar in der guten Stube zur Advents- und Weihnachtszeit. Dass sie so beliebt war, liegt in ihrer tiefen Verwurzelung als kraftvoller Baum in Seele und Gemüt der Menschen.

Voll Heilkraft und Symbolik

Die Weißtanne, die bis zu 600 Jahre alt werden kann, wurde schon in der Antike als Heilpflanze genutzt. Ihr Harz wurde verwendet, um die Wundheilung zu beschleunigen und Rheuma zu lindern. Sogenanntes „Tannenbier“ trank man im 16. und 17. Jahrhundert gegen Skorbut. Und Sebastian Kneipp empfahl Tannentee aus frischen Trieben, um die Lunge und Stimmbänder zu stärken und bei Husten den Auswurf zu fördern. In der mittelalterlichen Kräutermedizin galt die Weißtanne als Symbol der Kraft.

So ist es nur verständlich, dass die Weißtanne symbolträchtig zum Begleiter der Advents- und Weihnachtszeit wurde. Vor allem natürlich wegen ihres Duftes. Hildegard von Bingen lobte den Tannenduft als Balsam gegen die Erschöpfung.

Das Tannennadelöl ist Labsal für die Seele

Alle Ersatznadelgehölze reichen kaum an die Weißtanne heran. Die Thuja zum Beispiel duftet auch, doch dieser Duft ist nicht heilsam sondern bereitet vielmehr Kopfschmerzen. Die Nordmanntanne trägt zwar auch tiefgrüne Nadeln, doch diese duften leider gar nicht und sie sind alles andere als schön weich. Die Nadeln der alternativen Blautanne wiederum sind eher grau und matt. Und die Fichte verliert ruckzuck die Nadeln. Die robuste, praktische Nordmanntanne hat die Weißtanne längst als Weihnachtsbaum abgelöst. Da beiben jetzt zur Advents- und Weihnachtszeit also nur die Lieder und Gedichte von der heimischen Tanne und ihren grünen Blättern.

Ein Ausweg: Man könnte ein Fläschchen Tannennadelöl erstehen. Das ist rundum gesund, die Volksmedizin kennt dutzende Heilwirkungen. Vor allem aber ist es Labsal für die Seele, Labsal der Weißtanne. Trotzdem kann der Duft die tiefe Bedeutung der Weißtanne nicht ersetzen. Clemens Zerling schreibt in seinem Buch „Lexikon der Pflanzensymbolik“ vom Glauben früher Zeiten, dass die Tanne das höchste Göttliche mit der Sphäre des Menschlichen verband. Deshalb gehört sie – so tief verwurzelt – zur Weihnachtszeit dazu.

(Claudia Vogelsang)