Linsen
Linsen

04.02.2017 - 09:50

Die Linse Lens Culinaris - biblische Kost

Wir machen Suppe draus oder nahrhafte Salate. Und immer schon, seit der Jungsteinzeit, seit die Menschen begannen, Ackerbau zu betreiben, gehört sie auf den Speiseplan: die Linse, die "Lens culinaris".

Vor über 12.000 Jahren begannen die Menschen im Nahen Osten und Vorderen Orient, im Gebiet des fruchtbaren Halbmondes sesshaft zu werden. Es ist der Beginn der Jungsteinzeit, des Neolithikums. Forscher sprechen von der neolithischen Revolution; über 5000 Jahre dauert sie und sie ist eine der größten Umwälzungsprozesse der Menschheit. Die Menschen lernen, den Samen von Pflanzen zu ernten und wieder anzubauen, sie lernen Vorräte anzulegen und das Vieh zu züchten. Und zu den allerersten Ackerbaupflanzen gehört die Linse.

Die Linse enthält wertvolles Eiweiß

Die Linse ist wie Bohne und Erbse eine Hülsenfrucht, die man aus ihrer Hülle herauspult. Die "Lens Culinaris" ist einjährig, eine krautige Pflanze, die an anderen Pflanzen hochrankt. Der Anbau der anspruchslosen Linse ist deshalb eher mühsam und in Deutschland selten. Aber Linsen sind gesund, ihr Anteil an wertvollem Eiweiß ist hoch, das macht sie zu einem wichtigen Bestandteil vor allem der vegetarischen Küche.

Linsen als biblischer Lohn

Das haben die Menschen des Neolithikums vielleicht schon geahnt. Jedenfalls spielt das Linsengericht eine gewichtige Rolle im Alten Testament, zu Beginn der Geschichte des Judentums, als Jakob zum Stammvater der zwölf Stämme Israels wird. Dazu benötigt er aber noch das Erstgeburtsrecht seines älteren Bruders Esau. Der Lohn dafür ist ein Linsengericht:

Einst hatte Jakob ein Gericht zubereitet, als Esau erschöpft vom Feld kam. Esau sagte zu Jakob: Gib mir doch etwas zu essen von dem Roten da, ich bin ganz erschöpft. (…) Jakob gab zur Antwort: Dann verkauf mir jetzt sofort dein Erstgeburtsrecht!
Schau, ich sterbe vor Hunger, sagte Esau, was soll mir da das Erstgeburtsrecht? Jakob erwiderte: Schwör mir jetzt sofort! Da schwor er ihm und verkaufte sein Erstgeburtsrecht an Jakob. Darauf gab Jakob dem Esau Brot und Linsengemüse; er aß und trank, stand auf und ging seines Weges. Vom Erstgeburtsrecht aber hielt Esau nichts.

Rebekka als Mutter der neolithischen Revolution

Diese Geschichte mit dem Linsengericht erzählt nicht nur vom Beginn der Geschichte Israels, sondern auch von der neolithischen Revolution, denn Jakob ist hier schon der sesshafte Viehhirte und es gibt eben Linsen.
Und spannend ist vor allem, dass in dieser Geschichte um das Erstgeburtsrecht die Mutter Rebekka die Fäden in der Hand hält. Sie ist es letztlich, die den schon sesshaften Jakob zum Stammvater Israels macht, es ist somit eine Frau, die im Grunde die neolithische Revolution, sprich den Ackerbau bevorzugt und voranbringt. Es waren wohl tatsächlich die Frauen in der Jungsteinzeit, die mit primitiven Hilfsmitteln Pflanzen aussäten und ernteten und aus Wildpflanzen erste Kulturpflanzen züchteten. Das Linsengericht im Buch Genesis erzählt davon. Das hat dort aber auch schon den Ruf eines sehr "schlichten" Gerichtes. Im Buch Genesis steht später der kluge Spruch: "Wenn dein Freund dich mit Linsen bewirtet hat, bewirte ihn mit Fleisch. Warum? Weil er dich als erster bewirtet hat."

So zieht sich die Geschichte der Linse durch die gesamte Kulturgeschichte, bis sie heute gar einen edlen Platz in der Sternenküche gefunden hat.  Auf der schwäbischen Alb wird seit 1985 mit Erfolg wieder eine alte Sorte angebaut – heiß begehrt.  Und vielleicht wäre die Linse auch mal eine Idee für den kargen Boden im eigenen Garten, denn sie blüht wie eine zarte Wicke: Aussaat ab April an einem sonnigen Ort. Und dann setzen Sie sich wie einst Goethe mit Charlotte von Stein zu Tisch. Denn statt der Liebe zu entbehren zog er es vor, mit seiner Angebeteten pünktlich um zwölf Uhr aus der Pastetenschale Linsensuppe zu speisen. (St.Q.)

 

Goethe und Humboldt über die Linse

Der Originaltext von Goethe vom 12.12.1780: "Zwar wollt ich heut wieder durchs Entbehren erfahren wie lieb ich Sie habe. Ich dencke doch aber ists besser Linsensuppe mit Ihnen aus der Pasteten Schaale zu essen also komm ich um 12 Uhr."

Alexander Freiherr von Humboldt nannte die Linse bereits als Alternative zur Viehzucht im Sinne der ökologischen Kritik am Verbrauch von Land und Futter durch das Vieh:  "Dieselbe Strecke Landes, welche als Wiese, d.h. als Viehfutter, zehn Menschen durch das Fleisch der darauf gemästeten Tiere aus zweiter Hand ernährt, vermag, mit Hirse, Erbsen, Linsen und Gerste bebaut, hundert Menschen zu erhalten und zu ernähren."