23.04.2013 - 16:40

Die Oper "Die Gezeichneten" von Franz Schreker in Köln Blick in menschliche Abgründe

Alviano Salvago ist voller Sehnsucht und Selbsthass. Er glaubt, dass er hässlich sei und deshalb nie geliebt werden wird. Seinen Traum von Schönheit und Liebe hat Salvago auf seiner Paradiesinsel „Elysium“ verwirklicht. Er selbst betritt diesen Ort nie, doch seine adligen Freunde treiben dort mit entführten jungen Mädchen aus dem Dorf Sexorgien. Regisseur Patrick Kinmoth setzt diese düstere Oper als Psychokrimi auf einem Autofriedhof in Szene.

Am Anfang steht ein Doppelmord. Alviano Salvago tötet die Künstlerin Carlotta und ihren Liebhaber Tamare. Patrick Kinmoth nimmt in seiner Inszenierung das Ende der Oper vorweg. Das düstere Ambiente eines Autofriedhofs bildet die Kulisse für einen berührenden Seelenkrimi. Was dort geschieht, entspringt dem narzistisch-kranken Hirn des Außenseiters Salvago, der lustvoll selbstquälerisch sich selbst in den Seelenabgrund stürzt. Seine erotischen Träume verlegt er auf seine Fantasieinsel Elysium, die er selbst nie betritt. Er erfährt, dass seine so genannten Freunde erotische Orgien mit Frauen aus dem Dorf spielen, die nicht mehr wiederkommen. Er will diese Insel der Bürgerschaft schenken, doch am Ende wird die Insel auf Betreiben seiner Freunde und eines Herrschers vernichtet. Ein einziges Mal erstrahlt die Bühne in bunten Farben. Es ist in dem Moment, wo die Künstlerin Carlotta ihm seine Liebe gesteht, um im Augenblick des höchsten Glücks seine Seele zu malen. Dann aber verfällt sie dem Frauenheld Tamare. Das Volk der Bürger wird auf dem Autofriedhof von den erotischen Fantasien einer Insel erfasst, die es nicht gibt. Wie Marionetten ziehen die Menschen an Solvago vorbei, seinem negativen inneren Drehbuch folgend. Wie zum Beispiel der Zug der jungen Mädchen in artifiziellen Renaissancekostümen, die wie Untote in Paradeformation quer über seinen Autofriedhof geistern. Schrekers Oper, die ursprünglich in der Renaissance spielte, bekommt durch diese surreale Mischung von historischen und Gegenwartskostümen eine traumatische Zeitlosigkeit. Am Ende bleibt ihm nur die Vernichtung alles Lebendigen.  Die Freiheit der Kunst und der Frau, die sich in Carlotta manifestiert, wird seinem Narzismus geopfert.

Im sensibel austarierten, hochemotionalen Klangraum des Gürzenich-Orchesters unter der musikalischen Leitung von Markus Stenz entfaltet sich das Psychodrama eines Menschen, der an seinem selbstquälerischen Narzissmus zu Grunde geht. Stefan Vinke singt und spielt diesen von Sehnsucht und Selbsthass gepeinigten Mann mit tief berührender Intensität. Nicola Beller Carbone vermittelt stimmlich wie auch durch ihre herausragende Darstellungskraft das Bild einer sich für ihre Kunst verzehrende  Künstlerin, die unbeirrt gesellschaftlicher Schranken ihren Weg geht.