Erzbischof Georg Gänswein
Erzbischof Georg Gänswein

26.05.2019 - 09:40

Kirche2Go: "Gehet hin in Frieden" Du bist getragen, so wie du bist!

Am Ende jeder Messfeier ist es das letzte Wort des Zelebranten: "Gehet hin in Frieden". Hinter dieser deutschen Variante des Entlassungsrufes steckt mehr als ein einfacher Schluss-Gruß.

"Gehet hin in Frieden – Dank sei Gott dem Herrn."

Der Entlassungsruf am Ende des katholischen Gottesdienstes hat eine lange Geschichte. Auch wenn es diese Formulierung so erst seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil gibt. Bis dahin lautete der lateinische Entlassungsruf nämlich: "Ite missa est" – übersetzt könnte man sagen: "Geht, ihr seid entlassen!" Und genau das war sogar die ursprüngliche Bedeutung, als in der frühen Zeit der Kirche die Taufbewerber vor ihrem Eintritt in den christlichen Glauben zwar schon an der Messfeier teilnehmen durften, aber nur bis zum Ende des Wortgottesdienstes. "Nach der Predigt wurden sie entlassen nach dem Motto: 'Jetzt geht nach Hause. Jetzt sind wir dran, ihr nicht'", bringt Bibelwissenschaftler Gunter Fleischer den ursprüngliche Sinn des "Ite-missa-est" auf den Punkt.

Mit der Zeit wanderte der Entlassungsruf ans Ende des gesamten Gottesdienstes. Mit diesen Worten wurde der Schlusssegen abgeschlossen. Das "Ite missa est" folgte damit zum einen auf die Segnung, von der man sich den Schutz Gottes erhofft. Aber es steht eben auch am Ende der Feier, die man in gewisser Weise verwandelt verlassen soll. Darum begann man, den Entlassungsruf lieber anders zu übersetzen: "Ite missa est" kann nämlich auch bedeuten: "Geht, ihr seid gesendet". Für den Bibelwissenschaftler Fleischer gehört hier beides zusammen: "Sowohl das Im-Schutze-Gottes-Stehen als auch das Selber-aktiv-Werden zum Wohle der Anderen. Jetzt gestärkt aus der Begegnung mit Christus soll ich hinausgehen in die Welt, um zum einen weiter im Schutz Gottes unterwegs zu sein, aber auch um diesen Gott in die Welt hinaus zu tragen."

Aus "Ite Missa est" wird "Gehet hin in Frieden"

Wie aber kommt es nun zu der Wendung "Gehet hin in Frieden"? Hier fällt der Blick auf den Auferstandenen Jesus: Laut Bibel begrüßte er beim Wiedersehen seine Jünger mit den Worten: Der Friede sei mit euch. (Johannes 20,19) Der aramäische Original-Begriff lautet "Schlama" - uns bekannter ist die hebräische Form "Schalom". Dabei geht es um mehr als nur Frieden, erst recht nicht um einen rein äußeren sondern vielmehr inneren Frieden. "Aber nicht im Sinne einer Selbstzufriedenheit", betont Fleischer: "Ich würde es am liebsten umschreiben mit einer tiefen Gelassenheit, getragen zu sein – so, wie ich bin."   

Was man sich darunter vorstellen kann, macht eine Episode der Bibel deutlich, in der Jesus einer - wie es heißt - blutflüssigen Frau begegnet (vgl. Markus 5; Lukas 8). Eine Unterleibskrankheit, die die Betroffene wohl mit Scham erfüllte, denn ängstlich und unscheinbar nähert sie sich in einer Menschenmenge Jesus. Von hinten will sie ihn unbemerkt berühren, in der Hoffnung endlich geheilt zu werden. Die Heilung geschieht tatsächlich und Jesus bemerkt die Frau, weil er - so heißt es - gespürt hatte, dass eine Kraft von ihm ausging. Zur Überraschung der Umstehenden spricht er die Frau dann mit den Worten an: "Sei getrost" oder in einer anderen Übersetzung: "Gehe hin in Frieden".

Du brauchst vor Gott keine Angst zu haben

Für den Bibelwissenschaftler Fleischer liegt darin eine Zusage an die Frau, die durch ihr Verhalten einen Glauben offenbarte, der noch mit Angst erfüllt war, weil sie sich aus Unsicherheit vor den Folgen nur unbemerkt Jesus nähern wollte. "'Gehe hin in Frieden‘ heißt: 'Jetzt komm und glaube auch, dass du vor Gott keine Angst zu haben und dich nicht zu schämen brauchst; dass du auch nicht einen Teil deiner Wahrheit verbergen musst. Du darfst von Gott her ein ganzer Mensch sein.'" So legt Fleischer die Szene aus und verweist auf eine weitere Übersetzungsmöglichkeit: "Schalom kann auch 'Ganzheit' heißen."

Wenn es am Ende des Gottesdienstes also heißt: "Gehet hin in Frieden" steckt darin auch eine Zusage Gottes an den Menschen. Hier im Hinblick auf das So-Sein jedes einzelnen, der mit seinen Unvollkommenheiten von Gott angesehen ist, mit seinen Fehlern und Schwächen, mit seinen Ängsten und seinem Versagen. Und gerade deshalb passt der Entlassungsruf "Gehet hin in Frieden" auch so gut an das Ende der Heiligen Messe. Hier verweist Fleischer auf den Anfang jeder Messfeier, an dem ein Bußakt steht: "Dann heißt das für das Ende: 'Du darfst auch gehen mit dem, was du falsch gemacht hast, was nicht gelungen ist. So darfst du gehen, als Unvollkommener – in Frieden.'"

(DR)