Blick in das Langhaus mit Hochchor im Kölner Dom
Blick in das Langhaus mit Hochchor im Kölner Dom
Domkapitular Josef Sauerborn
Domkapitular Josef Sauerborn
Sängerchor Heiligenhaus 1902 e. V.
Sängerchor Heiligenhaus 1902 e. V.

20.10.2019 - 10:00

Kapitelsamt im Kölner Dom Neunundzwanzigster Sonntag im Jahreskreis

In seiner Predigt sprach Domkapitular Josef Sauerborn über das Gebet. Im Besonderen könne der Mensch im Gebet über sich hinaus sprechen, denn das Gebet geht über den zwischenmenschlichen Austausch hinaus.

Den Weg der Edith Stein, die eine Betende gesehen hat und über diese Erfahrung letztlich selbst zum Gebet kam, beleuchtete Domkapitular Sauerborn in seiner Predigt und zeigte die Kraft des Gebets auf. Im Gebet könne der Mensch das nicht fassbare Geheimnis Gottes realisieren. Zudem komme beim Beten das Wesen des Menschen zur Sprache – wie sonst nicht. Das Beten aber ist keine Leistung, die der Mensch tun kann, denn Gott mache den Anfang beim Beten.

DOMRADIO.DE übertrug am neunundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis das Kapitelsamt aus dem Kölner Dom mit Domkapitular Josef Sauerborn. Es sang der Männergesangverein "Sängerchor" Heiligenhaus 1902 unter der Leitung von Claudia Rübben-Laux. An der Orgel: Winfried Bönig.

Auslegung zum Sonntagsevangelium von Eugen Biser

Selten sind Ernst und Heiterkeit im Evangelium so eng benachbart wie in diesem Text. Denn in dem von ihm gebotenen Gleichnis hat es Jesus regelrecht auf einen Heiterkeitserfolg angelegt. Da erzählt er die Geschichte von einem Richter, den er deswegen als ungerecht bezeichnet, weil er offensichtlich bestechlich ist und sich über jede göttliche und menschliche Ordnung hinwegsetzt. Als Atheist, der selbst Gott nicht fürchtet, nimmt er auch auf die Menschen, die mit ihren Konflikten und Rechtsstreitigkeiten zu ihm kommen, keine Rücksicht. So ergeht es auch dieser Witwe, die, wie der Altmeister der Gleichnisforschung, Joachim Jeremias, annimmt, in ihrer Armut keine Möglichkeit der Bestechung hat, dafür dem Richter jedoch ständig in den Ohren liegt und ihn immer hartnäckiger auffordert, ihr zu dem Teil des Erbes zu verhelfen, der ihr von ihrem einflussreichen Prozessgegner streitig gemacht und vorenthalten wird. Lange schiebt der Richter die Sache auf die lange Bank. Aber schließlich geht ihm die hartnäckige Art so auf die Nerven, dass er ihr zu ihrem Recht verhilft, und das mit der wahrhaft erheiternden Begründung: „sonst kommt sie noch und schlägt mir ins Gesicht“. Offensichtlich brechen die Zuhörer in lautes Lachen aus, sodass Jesus die Situation mit der Bemerkung auffangen muss: „Hört doch, was der ungerechte Richter sagt!“ Erst jetzt kann er die von ihm beabsichtigte Folgerung aus der Geschichte ziehen. Und die ist denkbar ernst: „Da sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht ebenso zu ihrem Recht verhelfen? Ich sage euch: unverzüglich wird er das tun!“

... Wenn Jesus in seiner Anwendung ... von Gott und seiner scheinbaren Taubheit gegenüber den zu ihm dringenden Not- und Hilfeschreien spricht, dann hebt er alles auf eine höhere Ebene, die auch in diesem Fall in seiner Vision vom kommenden Gottesreich besteht. Dort gelten andere Verhältnisse und Gesetze. Dort werden die Flehrufe erhört, auch wenn sie ungehört zu verhallen scheinen. Und dort bleibt Gott in seiner Liebe nah, auch wenn nichts mehr für seine Nähe zu sprechen scheint.

Aus: Magnificat. Das Stundenbuch. Oktober 2019