01.01.2009 - 09:20

Kapitelsamt im Kölner Dom 2. Sonntag nach Weihnachten

domradio.de übertrug am zweiten Sonntag nach Weihnachten das Kapitelsamt aus dem Kölner Dom. In seiner Predigt zum Johannes-Evangelium erinnerte Domkapitular Prof. Norbert Trippen daran, dass alle Menschen dazu bestimmt sind, Gottes Kinder zu sein. "Um das zu verwirklichen, wurde Gottes Sohn Mensch."

In den letzten Jahren ist eine neue Kultur christlicher Lebensbegleitung herangewachsen. In regelmäßigen Gesprächen unterstützen geistliche Begleiterinnen und Begleiter Menschen, die auf der Suche sind, sich neu orientieren wollen. Es geht darum, inne zu halten, Raum zum Nachdenken zu gewinnen, ein Gespür für die eigene Sehnsucht zu entfalten, der Weise und der Weisheit Gottes im eigenen Leben nachzuspüren. Vielleicht ist es kein Zufall, dass uns im Alten Testament die Weisheit Gottes nicht als abstrakte Eigenschaft begegnet, sondern als Person, als Frau Weisheit (vgl. die erste Lesung). Der Johannesprolog erkennt, dass der Mensch Jesus das zur Welt gekommene Weisheitswort Gottes ist (vgl. das Evangelium). Wo die Sehnsucht nach einem guten Leben für alle lebendig geblieben ist, wo sie nicht aufgesogen wird von der Befriedigung über eigenes Machen, Verfügen und Funktionieren - suchen wir da nicht nach einer Weisheit, die aus dem Munde Gottes kommt, aber im Menschen und durch den Menschen spricht?WortgottesdienstErste LesungEine Atmosphäre von Fülle, Leben und Liebe umgibt die Gestalt der Weisheit, der wir in den späten Schriften Israels begegnen. Heute spricht sie von sich: Frau Weisheit stellt sich uns vor. Sie erzählt von ihrem göttlichen Ursprung, von ihrem Wirken im Kosmos und von ihrer Ansiedelung in Jahwes Tempel. Von Anfang an hat Weisheit den Schöpfer der Welt begleitet. Sie durchwaltet das All und ist wirksam in aller Kreatur. Ihr Zelt schlägt sie nicht wahllos auf. Sie sucht einen Ort, der ihr entspricht. Gott unterstützt ihre Wahl: In Jerusalem wird die Weisheit ihr Zelt aufschlagen, auf dem Zionsberg wird sie wohnen. In Gottes heiligem Tempel tut sie liturgischen Dienst. Ein Gewinn für beide Seiten. Gott liebt die Weisheit - sie darf auf dem Zion zelten. Gott liebt Israel - Gottes Weisheit wohnt nun in der Nachbarschaft. Zweite Lesung Wörter wie "Erwählung" oder "Heiligkeit" benutzen wir eher selten, und wer von uns würde sie schon auf sich beziehen? Der Autor des Epheserbriefes freut sich mit seiner Gemeinde über den allen gemeinsamen Weg der Erwählung und Heiligkeit. Damit ist nicht die Befriedigung darüber gemeint, dass sich die himmlische Personalabteilung ausgerechnet für mich entschieden hat. Erwählt sein von Anfang an, das bedeutet, von Gott getragen sein von Anfang an, getragen zu einem Leben in Gottesnähe. Zu einem heiligen Leben. Heiligkeit des Lebens heißt: Gott hat mein Leben von Grund auf recht gemacht, gerecht gemacht, zurecht gebracht. Heilig leben heißt, in Freude leben. Hoffnungsvoll leben. Heilig leben heißt, so miteinander leben, dass wir einander gerecht werden. Dann sind wir Gott recht.Evangelium"Im Anfang" - so lauten die ersten Worte der Bibel. "Im Anfang", so beginnt auch Johannes sein Evangelium. Wo schon Matthäus und Lukas mit ihren Erzählungen von der Jungfrauengeburt deutlich gemacht haben, dass Gott nicht erst nachträglich in das Leben des Menschen Jesus eingegriffen hat, sondern es von Anfang an prägt, geht Johannes noch weiter. Wenn Christus mit Gott geeint ist, muss er die gesamte Zeit umfassen, vor der Schöpfung sein, ja sogar Grundprinzip der Schöpfung. Johannes nennt ihn den Logos, das Wort. Nicht ein Wort wie die vielen Wörter, die wir reden, sondern das Wort, mit dem Gott Himmel und Erde schafft (vgl. Gen 1). In diesem Wort gründen wir. In ihm ist das Leben, auch unser Leben. Die ungeheuerliche Behauptung lautet nun: "… das Wort ist Fleisch geworden". Fleisch aber bedeutet: begrenzt, veränderlich, schwach, verletzlich, leidend, sterblich. Das Johannes-Evangelium spekuliert nicht darüber, wie beides logisch vereinbar sein soll, Gottes eigenes Leben und unser Leben. Es bekennt nur, was diese Verbindung für die Menschen bedeutet: Gnade und Wahrheit. Dass Gott im Erdenlehm erstrahlt Wie gewaltig ist doch die Liebe: dass Gott im Erdenlehm erstrahlt und dass Engel, die Gott dienen, Gott schauen als Mensch!Hildegard von Bingen(Quelle: Messbuch 2009, Butzon & Bercker Verlag)