17.02.2010 - 09:24

Fastenhirtenbrief des Erzbischofs von Köln 2010 Im Wortlaut

Liebe Schwestern, liebe Brüder! 1. Ausgerechnet an jedem Fastensonntag ist in der Kurzlesung der Laudes, dem kirchlichen Morgengebet, ein wichtiger Text aus dem Buch Nehemia zu lesen: „Heute ist ein heiliger Tag zu Ehren des Herrn. Macht euch keine Sorgen, denn die Freude am Herrn ist eure Stärke!" (Neh 8,10). Können wir das glauben? „Die Freude am Herrn ist eure Stärke!" Dieses verheißungsvolle Wort möchte ich uns für die diesjährige Fastenzeit auf den Weg mitgeben. Der Herr hat uns das Eu-angelion, das ist das Evangelium, anvertraut, also die Frohe Botschaft, er hat uns die Eucharistie hinterlassen, das Opfermahl der Freude, und es ist uns die Eu-logie, das Lied der Freude zu singen, aufgetragen. Es geht dreimal um die Freude. Ist das möglich? Der Apostel Paulus gibt die Antwort, wenn er sagt: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch! Der Herr ist nahe" (Phil 4,4). Die Freude ist also das Echo auf die Gottesnähe. Je näher beim Herrn, desto froher das Herz. Danach sollte es eigentlich keine Christenangst geben. Es gibt nur eine „Heidenangst". „Hast du wieder eine Heidenangst!", sagen wir in der Alltagssprache. Ein Heide ist ein Mensch in der Gottesferne. Gottesferne ist der Grund für Angst, Gottesnähe für Freude. Wir haben allen Grund zur Freude, aber nicht, weil in unserem Leben alles so perfekt läuft, sondern weil Gott uns geschaffen hat, weil er uns liebt, weil er sich um uns sorgt, weil er uns kennt und weil er uns trägt. Jeder darf wie Maria bekennen: „Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig" (Lk 1,49). Dass Gott mich liebt, schenkt mir Wert und Würde. Würde und Größe des Menschen beruhen darauf, dass er Gott gehört, dass Gott ihn liebt. Wenn wir mit Gott auf Du und Du stehen, sind wir nie etwas, das man versklaven, ausbeuten und wegwerfen darf. Tatsächlich war es das Christentum, das die Sklaverei abschaffte und den Menschen als Person achten lehrte. 2. Wo aber Gott schwindet, da schwinden die Würde und die Freude des Menschen an seinem Dasein. Wo Gott schwindet, dort wird es unheimlich, da geht gleichsam die Sonne unter, dort naht die große Kälte. Friedrich Nietzsche formuliert dieses Daseinsgefühl mit bewegenden Worten: „Du wirst niemals mehr beten, niemals mehr anbeten, niemals mehr im endlosen Vertrauen ausruhen; du hast keinen fortwährenden Wächter und Freund für deine sieben Einsamkeiten; du liebst ohne Ausblick auf ein Gebirge, das Schnee auf dem Haupte und Glut in seinem Herzen trägt. Es gibt keine Vernunft in dem mehr, was geschieht. Keine Liebe in dem, was dir geschehen wird" (Nietzsche, Fröhliche Wissenschaft, Aphorismen). Wer wärmt dich, wer liebt dich noch? (vgl. Nietzsche). Das ist die Hölle! Wohl gemerkt: Nicht ein Christ, sondern Nietzsche sah dieses Szenario voraus, der Ehrlichste der Gottlosen. Vergessen wir nicht: Das Evangelium beginnt mit einem Wiegenlied: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen seiner Gnade" (vgl. Lk 2,14) und endet mit einem Siegeslied: „Das ist der Sieg, der die Welt besiegt hat: unser Glaube" (1 Joh 5,4). Lassen wir uns von niemandem den Gottesglauben nehmen! 3. Der Herr weist zudem auf eine Quelle der Freude im persönlichen Leben von uns Christen hin, indem er uns durch seine Kirche in diesen Tagen zur Buße ruft: „Im Himmel wird mehr Freude herrschen über einen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben, umzukehren" (Lk 15,7). Hier wird deutlich, dass das Sakrament der Buße eine Quelle der Freude für Gott und uns Menschen ist. Ich frage mich oft: Wie kommt es, dass dieses Sakrament im Himmel so viel Freude hervorruft, auf Erden aber so viel Abneigung und Angst? Das liegt, lassen Sie mich das sagen, an unserem Stolz. Die größte Gnade, die Gott zu verschenken hat, ist die Begnadigung. Und die größte Gabe, die er zu vergeben hat, ist die Vergabung, also die Vergebung. Beides wird uns im Bußsakrament geschenkt. Gott ist nirgends so sehr Vater als dort, wo er uns Vergebung und Begnadigung geschenkt. Und wir sind nirgendwo so sehr Kinder Gottes als dort, wo wir Vergebung und Begnadigung erfahren. Darum ist das Bußsakrament eine Quelle der Freude für den einzelnen Christen, für eine Gemeinde und für die ganze Kirche. Die oft spürbare Traurigkeit und Verdrossenheit im christlichen Alltag resultiert aus unserer Distanz zur Buße und zur Vergebung. Vielleicht werden wir einwenden: Wie kann denn eine Religion, deren Hauptsymbol das Kreuz mit dem Schmerzensmann ist, eine Religion der Freude und der Hoffnung sein? Die Kirche sagt im Hinblick auf das Kreuz: „Durch das Holz des Kreuzes kam Freude in die ganze Welt". Das sind keine Schlagworte, sondern das ist lebendige Wirklichkeit. Wenn wir es recht bedenken, dann haben Leid, Liebe und Freude wirklich miteinander zu tun. Wenn ich einem Menschen eine Liebeserklärung machen will, dann kann ich ihm guten Gewissens sagen: „Ich mag dich leiden!". Also in der Liebe, wo sie echt ist, steckt auch immer ein wenig Leid. Was für mich besonders liebenswert ist, das wird mir zur Passion, zur Leidenschaft. Liebe schafft auch Leid und damit Freude.  4. Der große französische Literat Léon Bloy, der zeitlebens auf der Schattenseite des Lebens stehen musste, sagte am Ende seines Lebens: „Herr, du betest für die, die dich kreuzigen, aber du kreuzigst die, die dich lieben". Es gibt einen Hymnus, der etwas Ähnliches ausdrückt. Darin heißt es: „Kommt, lasst uns die Finsternis singend bestehen, in der er hängt; auf dass wir darinnen die Sonne sehen, die uns umfängt! Kyrie eleison". Wir sind nicht durch Leid erlöst, sondern durch die Liebe, deren andere Seite das Leid ist, und die Frucht der Liebe ist die Freude. Vergessen wir nicht, was Paulus sagte: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch! Der Herr ist nahe!". Das Lebensgefühl von uns Christen sollte als Grundton von der Freude getragen sein, weil uns Gott nahe ist. Das ist kein billiger Optimismus, sondern Echo auf den uns in Christus nahe gekommenen Gott, der uns in den Sakramenten der Kirche nahe bleibt, bis zur Vollendung der Welt. Wir sind als Zeugen seiner Freude hineingerufen in eine Welt, die vor Angst erstarrt ist. Wo die Völker nicht mehr Gott über sich sehen, dort müssen sie sich voreinander fürchten. „Wir machen es ohne Gott!", reden manche Propheten der Gegenwart. Danach sieht die Welt auch aus: Religion sei nur Privatsache, heißt es. Aber privat sich den Herrgott halten, das ist Gottesverachtung und Gottesverhöhnung. Religion ist alles andere als privat, christliche Religion ist öffentlich und zugleich persönlich. 5. Versuchen wir täglich, einem Menschen eine kleine Freude zu machen. Das Echo darauf macht unser eigenes Herz froh. Die einzige Freude, die man besitzen kann, ist die, die man einem anderen schenken durfte. „Der hat sein Leben am besten verbracht, der die meisten Menschen hat froh gemacht", heißt es in einem Kanon. Es gibt so viele Möglichkeiten dazu. Freilich gibt es offensichtlich in unserer Gesellschaft viel Vergnügen und Spaß. Unsere Gesellschaft wird ja direkt als „Spaßgesellschaft" definiert. Zwischen Spaß und Freude liegt aber eine ganze Welt. Der Spaß ist an der Oberfläche, die Freude in der Tiefe. Der Mensch braucht Letztere dringendst. Er nährt sich mehr von der Freude als vom Brot. Das Wissen, dass Christus lebt, heißt zugleich zu wissen, dass das Leben das letzte Wort über den Tod hat, dass der Winter besiegt ist und der Frühling einziehen wird. Die Worte Glück und Seligkeit sind in der Sprache des Christentums innig mit dem Wesen der Nachfolge Christi verbunden. Das will nicht sagen, dass das Leben frei sei von Leiden und Reibungen. Wir haben es schon gesagt: Freud und Leid gehören in einem Christenleben zusammen, aber sie stehen nicht auf der gleichen Ebene. Die Freude wohnt in einer Tiefe, an die Menschen nicht mehr rühren können. Das hat uns Christus selbst ausdrücklich versprochen: „Euer Herz wird sich freuen, und niemand nimmt euch eure Freude" (Joh 16,22). Das ist ein ausdrückliches Versprechen, eine heilige Verpflichtung, der Jesus noch mehr Nachdruck verleiht, wenn er verkündet: „Mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht" (Mt 11,23). Obwohl dieses Wort durch diese und jene tragische Situation scheinbar Lügen gestraft wird, trügt es doch nicht.  6. Doch um die Finsternis zu durchbrechen, benötigen wir den Blick des Glaubens. Es fällt ja auch schwer, an die Sonne zu glauben, wenn die Wolken dunkel und schwer herabhängen. Und dennoch ist die Sonne verlässlich und sicher da. Jeder Christ, der Gottes Willen befolgt, besitzt den Schlüssel zur Heiterkeit und zur Freude, und zwar in dem Maß, als er sich kindlich den Geboten Gottes unterstellt. Das Christentum als solches ist eine Quelle des Glücks für den Einzelnen, für die Familie und für die Gesellschaft. Das Leben der Heiligen ist ein herrlicher Beweis dafür, dass das Christentum eine Quelle der Freude ist. Ihr Lächeln ist ihre Gabe an die Menschen. Es ist wie ein heller Strahl, der vom Antlitz Gottes ausgeht. Er will den Fremden sagen, dass sie erkannt und wie ein Bruder oder eine Schwester angenommen sind. Ein Wort der kleinen heiligen Theresia über den Himmel ist hier bedeutsam: „Im Himmel wird es keine gleichgültigen Blicke mehr geben". Das Lächeln verbindet die Menschen. Es baut kleine Brücken und macht vertraut. So macht es aus der menschlichen Gesellschaft eine große Familie und reißt den Menschen aus der eisigen Namenlosigkeit heraus. Wenn einer die Menschen anlächelt, berührt er das Beste in ihnen, noch bevor sie es zeigen. Es weckt das Kind im Erwachsenen. Es entbindet die frohe Ursprünglichkeit unter der Kruste so mancher Bitterkeit. Humor ist die Abwandlung des Lächelns, eine Form des Wohlwollens, die aussichtslose Situationen entspannen und manches wieder zurechtrücken kann. Humor ist wie ein frischer Luftzug in einem überheizten Raum: Man atmet erleichtert auf. „Die Freude am Herrn ist eure Stärke." An ihr braucht es uns daher nie zu fehlen. Der Gründer der weltweiten Hilfsaktion „Kirche in Not", Pater Werenfried van Straaten, sagte immer: „Die Menschen sind gewöhnlich besser, als sie scheinen. Und sie sind dankbar, wenn man sie entsprechend behandelt". Lassen wir uns in diesen Tagen der österlichen Bußzeit von der Gnade Gottes in die Nähe Gottes führen. Sie ist der Quell aller Freude, die uns und unsere Umwelt neu macht. Dazu segne Euch alle der allmächtige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Köln, im Februar 2010