Bischöfe im Gebet
Bischöfe im Gebet

21.02.2018 - 07:30

Erzbischof Heße: Nicht der Wirklichkeit verweigern "Der Zeitpunkt zur Umkehr ist jetzt"

In der Frühmesse der Bischofskonferenz am Mittwochmorgen rief Erzbischof Heße dazu auf, die Wirklichkeit der Welt anzunehmen. Die Fastenzeit biete dazu Gelegenheit.

Jesus Christus selbst sei alles andere als ein Wirklichkeits-Verweigerer gewesen, sagte Erzbischof Stefan Heße am Mittwochmorgen bei einem Gottesdienst während der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Ingolstadt. "Er nimmt die menschliche Wirklichkeit voll und ganz an und bringt sich in sie ein."

Die Fastenzeit biete die Gelegenheit, die Wirklichkeit Tag für Tag immer mehr anzunehmen und zu durchdringen, "ganz konkret im Schicksal von Menschen, so wie Jesus sich ihnen zuwendet", so der Erzbischof.

Erlebnisse, die betroffen machen

"Wann hat uns das letzte Mal etwas getroffen?", fragte Erzbischof Heße die Gemeinde in der St. Moritz-Kirche. "Ich meine nicht einen Trauerfall oder die Nachricht von einer Krankheit. Sondern ich meine, wann hat Sie etwas im positiven Sinne getroffen?" Zum Beispiel ein Satz, ein Moment, ein Gedanke, eine Begegnung oder ein Erlebnis, das auf einmal die Dinge in einem neuen Licht erscheinen lasse oder Zusammenhänge ganz neu erhelle – ja, vielleicht sogar ein Moment von innerer Umkehr?

Einen solchen Moment habe der vor rund 20 Jahren verstorbene Philosoph Josef Pieper gehabt. Als junger Philosophie- und Jurastudent sei Pieper in den 1920er Jahren mehrmals auf der Burg Rothenfels zu Gast gewesen. Dort habe ihn eine improvisierte Ansprache des Philosophen Romano Guardini so stark getroffen, dass er daraus seine ganze Doktorarbeit entwickelt hatte. Von der Ansprache Guardinis sei Piepers ganzes weiteres Denken und Arbeiten beeinflusst worden.

Es gehe um ein Sich-treffen-lassen

Im Evangelium gehe es um ein derartiges Sich-treffen-lassen gehe, "besser gesagt: um das Gegenteil", führte Erzbischof Heße aus. Lukas berichtete, dass immer mehr Menschen zu Jesus kamen, aber Jesus freue sich nicht über ihr Interesse, sondern fälle ein klares und eindeutiges Urteil: "Diese Generation ist böse." Die Menschen forderten ein Zeichen, obwohl sie schon längst eines hätten: Jesus selbst. Er sei das Zeichen.

"Jesus wirft seinen Zuhörern vor, dass selbst die Bewohner von Ninive – also im damaligen Verständnis 'Heiden' – sich nach der Predigt des Jona bekehrt haben", so Heße. Diese Generation indes verweigere sich seiner Botschaft und fordere weiterhin Zeichen.

Erzbischof Heße warf die Frage auf: "Könnte es diese Verweigerungshaltung sein, die Jesus zu diesem harschen Urteil führt? Könnte es sein, dass diese vielen Menschen, die um ihn herum sind, sich letztlich ihm und seiner göttlichen Wirklichkeit verweigern und deswegen böse sind?"

Wirklichkeit als "Fundament des Ethischen"

Der Satz, beziehungsweise das Wort, das Josef Pieper so getroffen habe, sei nicht überliefert. Er selbst habe sich nicht mehr recht daran erinnern können. Pieper habe versucht, es zu umschreiben und diesen Gedanken seiner Doktorarbeit vorangestellt. 'Die Wirklichkeit sei das Fundament des Ethischen. Das Gute ist das Wirklichkeitsgemäße'.

Daraus folgerte Pieper 'Wer Gutes tun und wissen will, muss seinen Blick auf die Wirklichkeit richten'. Denn die Wirklichkeit dieser Welt "ist Gottes liebender Blick, sind seine Verheißungen und Zusagen", so Heße und betont: "Gott hat diese Welt gut geschaffen, will uns Gutes und denkt groß von uns Menschen – von jedem einzelnen."

Das Böse wäre demgegenüber das Verfehlen der Wirklichkeit. Das Böse nehme die Wirklichkeit als Ganze nicht ernst. Das Böse blende aus. Das Böse lasse Teile nicht zu. Das Böse betreibe ein Versteckspiel und es traue Gott nichts Gutes zu. Es verweigere sich der Wirklichkeit.

"Christus verweigert sich nicht dieser Wirklichkeit"

Der Erzbischof verdeutlichte: "Am Beispiel der Menschen aus Ninive macht Jesus deutlich: Der Zeitpunkt zur Umkehr ist jetzt". Und führt aus: "Wir sollen uns treffen lassen. Jesu Botschaft vom Reich Gottes soll für die Menschen damals, soll für uns heute alles in ein neues Licht rücken. Er will, dass die Menschen die Realität sehen: Der Menschensohn ist da, das Reich Gottes ist nahe."

Jesus Christus sei selbst alles andere als ein Wirklichkeits-Verweigerer. Er nehme die menschliche Wirklichkeit voll und ganz an und bringe sich in sie ein. "Jesus wird einer von uns. Sein Weg führt immer tiefer in die Wirklichkeit hinein", brachte es Heße auf den Punkt.

"Das ist der Gang zwischen der Inkarnation an Weihnachten und dem Kreuzestod am Ende der Passion. Christus verweigert sich nicht dieser Wirklichkeit, sondern er wird ein Teil von ihr und verwandelt sie zur Wirklichkeit Gottes."

In Fastenzeit tiefer in die Wirklichkeit finden

"Wir stehen noch am Beginn der Fastenzeit", so Heße und appellierte daran, diese Fastenzeit zu nutzen und etwas daraus zu machen. Es sei lohnend, in dieser Fastenzeit immer tiefer in die wirkliche Wirklichkeit desLebens zu finden. "Ich meine die Wirklichkeit Gottes, für die wir uns Tag für Tag in Schweigen, Gebet, Besinnung, Gottesdienst öffnen können", präzisierte der Hamburger Erzbischof. "Jene Wirklichkeit dieser Welt, die wir Tag für Tag immer mehr annehmen und durchdringen können, ganz konkret: im Schicksal von Menschen, so wie Jesus sich ihnen zuwendet."

Der Erzbischof erinnert an das Wort Josef Piepers 'Das Gute ist das Wirklichkeitsgemäße' und hofft, "das uns nicht ein ebenso hartes Wort trifft wie damals die Menschen (Diese Generation ist böse), sondern vielmehr: "dass über unserem Leben und unserer Kirche stehe: Diese Generation ist gut, sie ist wirklichkeitsgemäß. Sie ist offen für die liebende Wirklichkeit Gottes und lässt sich von ihr treffen".

Mit der Frage "Braucht es mehr Vorsätze für die Fastenzeit?", entließ Erzbischof Heße die versammelte Gemeinde in den Tag. Die Frühjahrsvollversammlung der Bischofskonferenz dauert noch bis Donnerstag.

Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz

An der Vollversammlung vom 19. bis 22. Februar 2018 im Hotel NH Ingolstadt in Ingolstadt, Bistum Eichstätt, nehmen 64 Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz unter Leitung des Vorsitzenden, Kardinal Reinhard Marx, teil.

Die Bischöfe befassen sich insbesondere mit den Verständnisgrundlagen des Dialogs mit den Kirchen in Mittel- und Osteuropa, den Vorbereitungen für die Bischofssynode im Oktober 2018 in Rom sowie aktuellen Fragen der Flüchtlingsarbeit und einem Bericht über Art und Umfang der kirchlichen Flüchtlingshilfe im Jahr 2017.

Die Entwicklungen in der Notfallseelsorge sowie der weitere Umgang mit der Schöpfungs- und Sozialenzyklika Laudato si von Papst Franziskus stehen ebenfalls auf der Tagesordnung.

(DR, DBK, KNA)