Kampagne gegen Missbrauch an Schulen gestartet

"Stumme Hilflosigkeit"

Ein anzüglicher Spruch des Lehrers, ein kurzes Streicheln über den Rücken: Schüler - aber auch Kollegen, die davon hören - wissen in der Regel nicht, wie sie darauf reagieren sollen. Eine Kampagne soll das ändern.

Autor/in:
Birgit Wilke
Kampf gegen Kindesmissbrauch (dpa)
Kampf gegen Kindesmissbrauch / ( dpa )

Sie selbst fand erst nach Jahren den Weg in eine Beratungsstelle. Endlich traf sie dort auf jemanden, der ihr zuhörte und glaubte, als sie von ihrem erlittenen Missbrauch an einer Schule erzählte. Heute ist Catharina Beuster selbst Erziehungswissenschaftlerin. Ihre Abschlussarbeit hat sie über die Prävention von Missbrauch in pädagogischen Institutionen geschrieben.

Und sie ist Mitglied im Betroffenenrat, den der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, im vergangenen Jahr einrichtete. Beim Start der bundesweiten Kampagne "Schulen gegen sexuelle Gewalt" am Dienstag in Berlin ist sie mit dabei.

Zwei betroffene Kinder pro Klasse

Die Zahlen sind erschreckend: Nach Rörigs Schätzungen gibt es ein bis zwei betroffene Kinder pro Klasse, die sexuelle Gewalt in Schulen, zu Hause oder in Vereinen erfahren habe. 2015 hat es danach 12.000 Anzeigen gegeben, aber inklusive einer hohen Dunkelziffer "müssen wir davon ausgehen, dass es bis zu 100.000 Fälle gibt".

Jetzt soll darauf reagiert werden. Die Kampagne ist eine Initiative des Missbrauchsbeauftragten in Zusammenarbeit mit den 16 Kultusministerien. Als erstes Bundesland startet Nordrhein-Westfalen am kommenden Montag. Alle weiteren Länder sollen bis Ende 2018 folgen. Dann sollen alle rund 30.000 Schulen Infomaterial erhalten und Lehrer sowie Elternvertreter sich Gedanken über Schutzkonzepte gemacht haben.

Das Thema Missbrauch muss ins Schulprogramm aufgenommen werden, so Rörig. "Schulen stehen nicht unter Generalverdacht, aber Schulen können gefährliche Orte sein", betonte er. An jeder Schule müsse das Thema daher offen angesprochen werden: "Schweigen hilft nur den Tätern." Eine besondere Beachtung sollten dabei auch die modernen Medien finden. Hier müsse über die Gefahren aufgeklärt werden.

Schüler müssten erfahren, wie sie sich etwa vor dem sogenannten Sexting schützen könnten, bei dem sie von Gleichaltrigen oder Erwachsenen aufgefordert werden, Nacktbilder von sich zu verschicken.

Unterstützung der Initiative

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sowie der Verband Bildung und Erziehung (VBE) unterstützen die Initiative. Beide Verbandschefs, Marlis Tepe von der GEW und Udo Beckmann vom VBE, betonen, Schulen bräuchten mehr Fortbildungsangebote zum Thema Missbrauch. Lehrer bräuchten die Zeit, um zu lernen, wie sie entsprechende Signale von Schülern erkennen und wie sie darauf reagieren könnten. Dabei sollen Offenheit und Transparenz helfen, das Tabu zu durchbrechen, erklären sie.

Catharina Beuster ist eine solche Unterstützung damals versagt gewesen. "Mir schlug eine stumme Hilflosigkeit entgegen", erzählt sie. Die Tat als solche sei furchtbar gewesen, aber es sei für sie ebenso schrecklich gewesen, dass niemand auf ihre Schilderungen reagiert habe. "Hätte meine Schule damals ein Schutzkonzept gehabt, hätte mein Missbrauch vielleicht verhindert werden können", meint sie. Zumindest hätten Lehrer, denen sie sich anvertraut habe, sicher anders reagiert. "Jeder kleine Schritt, der damals unternommen worden wäre, hätte meine Geschichte ein kleines bisschen drehen können." Denn klar ist für sie: Die Verantwortung für die Verhinderung von sexueller Gewalt sowie Hilfen für Betroffene liegt einzig und allein in den Händen Erwachsener, betont Beuster.

Jetzt hofft sie wie die anderen Beteiligten, dass die Politik für eine gute Prävention auch Geld in die Hand nimmt. Es müssten mehr Fortbildungen angeboten werden und Lehrern müsse auch die Zeit zugestanden werden, daran teilzunehmen. Sinnvoll sei es auch, mehr Schulpsychologen und Schulsozialarbeiter einzustellen, meint Tepe und rechnet vor: Käme ein Psychologe auf 5.000 Schüler müssten die Länder insgesamt rund 23 Millionen Euro jährlich investieren, bei einem Schulsozialarbeiter pro 150 Schüler seien es 2,3 Milliarden Euro.


Quelle:
KNA