Wallfahrtskirche in Neviges
Wallfahrtskirche in Neviges
Kardinal Woelki betet am Gnadenbild
Kardinal Woelki betet am Gnadenbild
Gnadenbild in Neviges
Gnadenbild in Neviges
Kardinal Woelki
Kardinal Woelki
Dom-Chor Neviges
Dom-Chor Neviges
Kardinal Woelki im Gespräch mit dem Sohn von Architekt Gottfried Böhm, Professor Peter Böhm
Kardinal Woelki im Gespräch mit dem Sohn von Architekt Gottfried Böhm, Professor Peter Böhm
Kardinal Woelki
Kardinal Woelki

10.05.2018 - 10:00

Kardinal Woelki feiert 50. Weihefest des Mariendomes Neviges Wenn die Kirche zum Marktplatz wird

Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki hat am Hochfest Christi Himmelfahrt mit hunderten Gläubigen das 50. Weihefest des Mariendoms Neviges gefeiert. In seiner Predigt rief die Pilger dazu auf, am Aufbau einer bunten und lebendigen Kirche mitzuwirken.

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"Eine große Sache" sei das damals für seinen Vater gewesen. Daran erinnert sich der Architekt Peter Böhm noch ganz genau. Schließlich sei Kirchenbau eines der vieldiskutierten Familienthemen zuhause gewesen. Denn schon der Großvater Dominikus, Begründer der berühmten Kölner Architekten-Dynastie, habe sich in den 1920er Jahren eingehend mit liturgischen Fragen und dem Gedankengut des Religionsphilosophen Romano Guardini auseinandergesetzt und könne von daher als Vordenker für das gelten, was heute von seinem Sohn Gottfried in Beton gegossen das Herzstück von Velbert-Neviges ausmacht: die Wallfahrtskirche "Maria, Königin des Friedens".

Eigentlich habe der Entwurf zu diesem Zeltdach-Sakralbau bei dem ausgelobten Wettbewerb des Erzbistums Köln zunächst nur den dritten Rang belegt, weiß Peter Böhm. Doch Kardinal Frings, der zu dieser Zeit nicht mehr gut sehen und sich das Modell nur noch tastend erschließen konnte, bestand auf einer zweiten Runde für die drei Bestplatzierten. Offensichtlich favorisierte er von Anfang an die Idee, die Gottfried Böhm kurz nach dem Zweiten Vaticanum für sich und sein Verständnis von Kirchenbau aus den theologischen Überlegungen der Konzilsväter ableitete: den Altar in die Mitte zu holen, den Fußboden als ebene Fläche nach dem Marktplatzprinzip zu gestalten und an den hohen Wänden "Balkone" anzubringen – angeordnet wie Fenster an einer Fassade –, als schauten die Menschen eines in sich abgeschlossenen Lebensraumes hinunter auf die kleine Piazza ihrer Stadt, wo das eigentliche Leben spielt.

 "Stadt Gottes auf dem Berg"

Die Idee jedenfalls war so gut, dass sie das Rennen machte und heute, so berichtet der Sohn, als "Krone" einer damals angestoßenen Entwicklung gelten kann, wie Kirche – eben vor allem inhaltlich – sein sollte: mit menschlichem Leben und der Gemeinschaft im Zentrum. "Mein Vater wollte den Himmel auf die Erde holen", kommentiert Peter Böhm rückblickend dieses damals provozierende Beispiel für expressionistische Architektur, das später noch weitere Abwandlungen an anderen Orten erfahren sollte. Doch in Neviges symbolisiert es mit seinem ansteigenden, geschwungenen Pilgerweg – überzeugender nicht denkbar ­– den sinnbildlichen Weg einer Wallfahrt, die in der "Stadt Gottes auf dem Berg" endet.

Bei aller Diskussion um viel Beton und wenig Licht, den weiten Raum und kaum Dekor, das karge Pflaster und die spärlichen Leuchten – die Gemeindemitglieder lieben ihren Dom. Wenn der eine oder andere auch anfängliches Fremdeln einräumt, längst ist immer wieder zu hören – zumal an diesem Festtag –, wie stolz die Menschen am Ort auf diese einzigartige Architektur von Weltruhm sind. "Ich war elf", erzählt Peter Richter, der gerade Messdiener war, als mit dem monumentalen Bau begonnen wurde. "Da war für mich schon faszinierend, wie aus Beton und Sand so ein Kunstwerk entstehen konnte. Immer habe ich mit und in dieser Kirche gelebt. Sie ist einfach etwas ganz Besonderes." In der Woche, wenn der Wallfahrtsbetrieb etwas nachlasse, könne man die Stille am Gnadenbild richtig genießen, schwärmt Brigitta Peter. Sie ist 76 und empfiehlt bei allem, was einem das Herz schwer macht, einen Besuch bei der Gottesmutter.  "Ich musste mich erst einmal an dieses ‚Straßenbild’ mit den Laternen gewöhnen, aber heute ist das ‚mein Dom’." Darauf besteht Gertrud Langensiepen, der es mehr als alles andere das "gewaltige Rosenfenster" angetan hat, das den seitlichen Tabernakelraum zu jeder Tageszeit in warm tönendes Licht taucht. Und als diese riesige Kirche zum Weltjugendtag auch noch mit jungen Leuten angefüllt war, erklärt Verena Richter, da habe der Dom geradezu gebebt.

Woelki: Tag der Freude

Auch für Kardinal Woelki, der an diesem Tag noch einmal den Prozessionsweg nachgeht, wie ihn Kardinal Frings 1968 zum gerade fertig gestellten Neubau die Anhöhe hinauf beschritten hatte, spricht in seiner Festpredigt von einem Tag der Freude. Die Architektur dieser Kirche sei Ausdruck eines Kirchenverständnisses, in dem die vermeintlichen Gegensätze von Himmel und Erde, heilig und profan, innen und außen, aufgehoben seien. An die Stelle der festen Burg trete das Zelt, die Behausung des "wandernden Gottesvolks", an die der "geschlossenen Gesellschaft" trete die Präsenz auf den "Marktplätzen der Welt". Die Verbindung zwischen außen und innen, dem Kirchenvorplatz und dem Kircheninnenraum, habe der Architekt zusätzlich durch die Raumbildung, die Wahl der Materialien und der Motive unterstrichen. Es sei ein Kirchenbau entstanden, "der uns einlädt, lebendige Kirche in der Welt von heute zu sein", betont der Kölner Erzbischof.

Die Sendung des Christen von heute bedeute, hinaus in die Welt zu gehen. "Darum muss es uns gehen", so Woelki weiter, "Christus als Gekreuzigten und Auferstandenen den Menschen als ihr Heil, ihr Leben, ihr Glück, ihre Hoffnung, als den Halt ihres Lebens zu verkünden und zu bezeugen. Mit dieser uns vom Herrn übertragenen Sendung geht es um unsere pastorale Zukunftsfähigkeit." Dazu gehöre, die Menschen wieder mit dem Glauben in Berührung zu bringen, um sie letztlich zu einer Lebensgestaltung aus dem Evangelium heraus zu befähigen. Dazu sollten sie sich mit ihren unterschiedlichen Charismen und Berufungen vernetzen, weil es im Letzten um eine neue Evangelisierung gehe. Der heutige Festtag wolle dazu ermutigen, "dem Heiligen Geist wieder den Raum zu öffnen, den er braucht, um in uns zu wirken". Woelki mahnt, dass die Kirche kein "closed shop" sein dürfe, der sich ängstlich von der Welt abkapselt – so wie sich auch dieser Kirchbau nicht abkapsele, sondern Gottes Welt mit der unseren vereine. Auch heute noch gelte der Auftrag Jesu, seine Zeugen zu, um so am Aufbau einer Kirche aus lebendigen Steinen mitzuarbeiten.

Beatrice Tomasetti