29.07.2011 - 12:49

Das Wort zum Samstag am 30. Juli 2011 Von geistigen Brandstiftern und Schreibtischtätern

Nach dem rechtsradikalen Amoklauf in Norwegen gerieten in dieser Woche Islamkritiker wie Leon de Winter, Henryk M. Border oder Necla Kelek unter Druck. Da war schnell die Rede von geistigen Brandstifern und Schreibtischtätern. Was für ein Quatsch, findet Willibert.

Nach den Attentaten in Norwegen wächst in Deutschland die Debatte um den Umgang mit Islamkritik. Buchautor Thilo Sarrazin und andere hätten ein ideologisches Klima vorbereitet, in dem Taten von Extremisten wie Anders Behring Breivik möglich geworden seien, erklärten Wissenschaftler. Der Rechtsextremismusforscher Klaus Ahlheim sagte den Zeitungen der WAZ Mediengruppe (Freitag), Sarrazin habe das rassistische Denken in den öffentlichen Diskurs eingespeist und fremdenfeindlichen Vorurteilen eine "seriöse" Stimme gegeben.

Auch der ehemalige Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin, Wolfgang Benz, sagte den WAZ-Titeln: "Der Sumpf ist nicht unbedingt Schuld an den Blüten, die auf ihm gedeihen. Aber ohne den Sumpf gäbe es diese Blüten nicht", sagte Benz den WAZ-Titeln. In weniger extremer Form sei Breiviks Gedankengut längst in der bürgerlichen Mitte angekommen. "Das beweist der Erfolg von Sarrazins Buch."

Ausgelöst hatte die neue Debatte SPD-Chef Sigmar Gabriel mit seiner Äußerung, ein fremdenfeindliches Klima begünstige Attentate. Dabei bezog er sich ausdrücklich auf den Erfolg von Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab". Dies könne Verrückte an den Rändern der Gesellschaft zu "härteren Maßnahmen" animieren.

Diese Kritik hält der frühere nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet (CDU) für überzogen. "Die Vorwürfe, die Sigmar Gabriel gegen Thilo Sarrazin äußert, sind erstens falsch und zweitens etwas ungewöhnlich gegenüber einem Sozialdemokraten, der gerade erst als SPD-Mitglied bestätigt worden ist", sagte Laschet den WAZ-Zeitungen. Die Ansichten von Islamkritikern wie Sarrazin oder Henryk M. Broder gehörten zur normalen Meinungsfreiheit.

Eine Furcht vor "Denkverboten" nach den blutigen Attentaten hält der CDU-Politiker für vorgeschoben: "Es gibt in Deutschland keine Denkverbote, und es wird sie auch nie geben. Es ist für Sarrazin und für viele andere typisch, von angeblichen Denkverboten zu sprechen. Der Spruch "Das wird man doch wohl noch sagen dürfen" ist ja weit verbreitet."

Der nordrhein-westfälische Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD) warnte unterdessen vor einem "intellektuellen Anti-Islamismus" in Deutschland. Diese Gefahr gehe auch von den "intellektuellen Brandstiftern im Anzug" aus, sagte Schneider den WAZ-Titeln. Anti-Islamismus könne dazu führen, "dass Menschen meinen, sie müssten mit Gewalt vermeintliche gesellschaftliche Probleme lösen".

Die Publizistin Necla Kelek und die Autorin Monika Maron warnten indes davor, Islamkritik pauschal als geistige Brandstiftung zu diffamieren. "Die Kritik am Islam - also am politischen Anspruch einer Religion, an einem archaischen Rechtssystem, an der Missachtung und Unterdrückung der Frauen - in die Verantwortung für den terroristischen Akt eines Geisteskranken zu nehmen, ist infam", sagte Maron der Zeitung "Die Welt" (Donnerstag). Kelek fügte hinzu, sie erlebe immer wieder islamische Verbandsvertreter, die "zu bestimmen versuchen, wie man über sie zu reden hat. Wer sie kritisiert, ist schnell ein Rassist."