20.01.2013 - 06:30

20. Januar 2013 BWV 155: Mein Gott, wie lang, ach lange

20. Januar, nach protestantischer Zählung: Der 2. Sonntag nach „Erscheinung des Herrn“ und damit sind wir nach wie vor mitten in der Weihnachtszeit. Zumindest zur Zeit Johann Sebastian Bachs war das so. Nach der Liturgiereform des 2. Vatikanischen Konzils endet heute die Weihnachtszeit ja bereits am Sonntag der „Taufe des Herrn“ und das war ja am letzten Sonntag.

 

Der heutigen Kantate, von Bach in Weimar zum 19. Januar 1716 komponiert, liegt ein Text aus Salomon Francks Sammlung „Evangelisches Andachts -Opfer“ zugrunde. Die Überschrift der Kantate: „Mein Gott, wie lang, ach lang“. In enger Anknüpfung an das Evangelium. Denn da hören wir heute die Erzählung von der Hochzeit zu Kanaa. Der Wein geht vorzeitig zu Ende und die Mutter Jesu drängt ihn, dem Hochzeitpaar aus dieser peinlichen Situation zu helfen. Die Antwort Jesu zu seiner Mutter: „Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen“. Der Textdichter greift genau diesen einen Gedanken auf: Jesus hält sich verborgen, da seine Stunde noch nicht gekommen ist. Aber die Seele darf hoffen, dass er zur rechten Zeit mit seinem Trost zur Stelle sein wird.

Das Rezitativ zu Beginn der Kantate, fesselt vor allem durch den immer wiederkehrenden Orgelton: Dieser Orgelpunkt, so wie der Musiker diese Form nennt, erweckt den Eindruck sehnsüchtigen Wartens und unterstreicht damit auf eindringliche Weise diese Aussage des Textes.

Der zweite Satz, eine Duett-Arie von Alt und Tenor ist wohl eines der originellsten Duette, das Bach je geschrieben hat. Das Fagott, gestützt durch Continuoakkorde, die wie getupft klingen, bewegt sich in weitläufigen Figuren, ausgeziert durch rasche Läufe. Die Singstimmen verlaufen weitgehend homophon, fast schwärmerisch-wohlklingend der gesamte Satz.

Im dritten Satz, dem Rezitiativ, wird der Seele Trost zugesprochen. Und es ist kein Zufall, dass Bach hier die Bassstimme einsetzt, denn der Bass ist ja traditionell die Stimme Christi. Und Christus selbst ist es, der hier der Seele Trost zuspricht.

Die folgende Arie  ist vor allem durch die lebhaft-punktierte Bewegung des Streichersatzes gekennzeichnet. Auch hier wieder sehr passend zur textlichen Aussage: „Wirf mein, Herze, wirf Dich noch in des Höchsten Liebesarme“:

Mit einem schlichten Choralsatz, der 12. Strophe des Liedes „Es ist das Heil uns kommen her, von Paul Speratus, einem Textdichter des 16. Jahrhunderts, endet das Werk.

Wie in den meisten Kantaten des Jahrgangs von 1715 verlangt Bach nur eine kleine Instrumentalbesetzung: Streicher und Continuo, dazu ein Fagott und das wars dann auch schon. Dem Chor fällt nur der Schlusschoral zu und auch hier ist nicht klar, ob zu damaliger Zeit dieser vierstimmige Satz nicht einfach von den vier Gesangssolisten gesungen wurde. Wohl nicht immer ganz freiwillig hat Bach wohl zu dieser Zeit seine Kantaten instrumentiert. Er musste immer Rücksicht darauf nehmen, wie viele Musiker er gerade zur Verfügung hatte. Die zur Verfügung stehende Hofmusik bestand in diesen Jahren, also 1714 bis 1716 aus Kapelle und Kantorei. 22 hauptamtliche Mitglieder hatte die Kapelle, die für Solopartien verfügbaren Sänger beliefen sich auf sieben. Also eigentlich gar nicht mal so wenig, aber man darf dabei auch nicht aus dem Blick verlieren, dass die meisten Musiker bei Hofe üblicherweise mehrere Funktionen ausübten. So war einer der Trompeter zum Beispiel auch noch Kammerdiener, einer der Violonisten Sekretär und einer der Bassisten war Pagen-Hofmeister. Und auf diese Verpflichtungen musste natürlich ebenfalls Rücksicht genommen werden.

BWV 155: Mein Gott, wie lang, ach lange“.

Tölzer Knabenchor, Concentus musicus Wien, Leitung: Nikolaus Harnoncourt.

Quelle: Alfred Dürr, Die Kantaten Johann Sebastian Bachs, Bärenreiter 1995.