17.02.2013 - 06:30

17.02.2013 BWV 131: Aus der Tiefe ruf ich, Herr, zu Dir

Für jeden Sonn- und Feiertag des Kirchenjahres musste Johann Sebastian Bach eine eigene Kantate schreiben. Das war Bestandteil seines Arbeitsvertrages in Leipzig. Ausnahme: Die Avdents- und die Fastenzeit. An diesen Sonntagen gab es keine Figuralmusik in den Gottesdiensten. Dies bedeutete natürlich nicht, dass Bach dann in diesen Wochen Urlaub machen konnte. Er hat diese Zeiten für seine anderen Kompositionen genutzt. Und dies bedeutet nicht, dass wir jetzt an den Sonntagen hier auf die Sonntagskantate verzichten müssten. Bach hat nämlich so viele Kantaten geschrieben, dass uns die Musik nicht ausgeht. Die Kantate „Aus der Tiefen rufe ich, Herr, zu dir“, BWV 131 zum Beispiel scheint für diese Sonntage der Fastenzeit wie geschaffen.

 

Die Komposition fällt in Bachs Mühlhausener Organistenzeit, also in die Jahre 1707 und 1708. Der zugrunde liegende Text besteht ausschließlich aus Bibelwort und Choral. Das Gerüst bildet der vollständige Wortlaut des 130. Psalms, hinzugefügt sind die Strophen 2 und 5 des Liedes „Herr Jesu Christ, du höchstes Gut“ von Bartholomäus Ringwaldt, einem Textdichter des 16. Jahrhunderts. Die Kantate scheint für einen Bußgottesdienst geschrieben worden zu sein, vielleicht in Zusammenhang mit einer Feuerbrunst, die kurz vor Bachs Amtsantritt große Teile der Innenstadt vernichtet und zahlreiche Familien obdachlos gemacht hatte.

Die Komposition selbst ist symmetrisch aufgebaut. Je ein Chor markiert Beginn, Mitte und Schluss des Werkes. Als Zwischenglieder dienen jeweils ein Solo mit einer Choralstrophe. Der Eingangssatz besteht aus einem motivisch dem Chorbeginn verbundenen Orchestervorspiel, unmittelbar gefolgt vom Einsatz des Chores mit locker gefügten Rufen, die im Wechsel mit dem Orchester erklingen. Der Orchestersatz mündet direkt in die Chorfuge.  Am Ende der Fuge wird das Flehen, von dem im Text die Rede ist, durch die vielfachen Seufzerfiguren von Chor und Instrumenten deutlich hörbar gemacht.

Der Mittelchor hat nur eine knappe Einleitung, bevor, gleichfalls in breitem Tempo, die Chorfuge mit den Worten „Meine Seele harret“ beginnt, begleitet von lebhafter Figuration der Instrumente.

Im Schlusschor dann die beieindruckende Schlussfuge „und er wird Israel erlösen“. Diese Fuge beginnt mit Vokalstimmen, die nur vom Continuo begleitet werden, erst allmählich treten die Instrumente hinzu.

Die Kantate besitzt alle Vorzüge und Schwächen eines Jugendwerkes. Immerhin hat Bach sie ja im Alter von gerade mal 23 Jahren geschrieben. Unbekümmert und frisch reiht Bach hier die verschiedenen Formen aneinander, in späteren Werken macht er dies viel bewusster und zum Teil auch folgerichtiger. Trotzdem fühlt man schon hier, besonders in den Fugensätzen, die Kraft des Genies und findet bestätigt, was Carl Philipp Emanuel Bach über seinen Vater schreibt: „Bloß eigenes Nachsinnen hat ihn schon in seiner Jugend zum reinen und starken Fugisten gemacht“.

BWV 131: “Aus der Tiefen rufe ich, Herr, zu Dir“.

Tölzer Knabenchor, Concentus musicus Wien, Leitung: Nikolaus Harnoncourt.

Quelle: Alfred Dürr, Die Kantaten von Johann Sebastian Bach, Bärenreiter 1995