13.01.2013 - 06:30

13. Januar: Sonntag nach Epiphanias BWV 154: „Mein liebster Jesu ist verloren“

„Mein liebster Jesu ist verloren“: So hat Johann Sebastian Bach seine Kantate für den heutigen 1. Sonntag nach Epiphanie überschrieben. Eigentlich erstaunlich: Weihnachten ist noch keine drei Wochen her und jetzt: „Mein liebster Jesu ist verloren?“

Der Textdichter folgt hier ganz dem Evangelium des Tages, indem vom zwölfjährigen Jesu im Tempel berichtet wird. „Mein liebster Jesu ist verloren“, könnte jetzt als Aussage der Eltern Jesu verstanden werden, die voller Sorge sind, weil Jesus unbemerkt in Jerusalem bleibt und seine Eltern ihn – zunächst ohne Erfolg – suchen. Der Textdichter  hat aber nicht die Eltern im Blick, sondern den sündenverhafteten Menschen. Und so wird der Gegenwartsbezug hergestellt: Der sündige Mensch ist es, der seinen Jesus verloren hat und ihn trotz sehnsüchtigem Suchen nicht wiederfinden kann. So ist der Eingangssatz klagend, voller Trauer. Dann  im Mittelteil: Eine jähe Unterbrechung dieser Trauer. Auf die Worte „O Schwert, das durch die Seele dringt“, setzt nach einer Dreiklangsfanfare ein Streichertremolo ein, dessen mehr als kühne Harmonien die Schrecken des von Gott verlassenen Menschen hörbar machen.

Ein schlichtes Rezitativ leitet zum dritten Satz über: Der 2. Strophe des Liedes „Jesu, meiner Seelen Wonne“, ein Kirchenlied aus dem 17. Jahrhunderts, das Johann Sebastian Bach mit der Melodie „Werde munter, mein Gemüte“ vertont. Inhaltlich: Die Bitte der Gemeinde: Jesus möge doch wiederkommen.

Es folgt die zweite Arie der Kantate: Instrumentiert mit zwei Oboen d´Amore und einer Unterstimme, Orgel und Instrumentalbässe schweigen. Die Oboen  und die Altstimme bewegen sich im Terzabstand und geben der Arie so ein liedhaftes Gepräge. Die Textworte „Lass doch meine Sünden keine dicke Wolken sein“ liefern uns den Schlüssel zum Verständnis dieser ungewöhnlichen Instrumentierung: Das Fehlen des Basses steht hier als Symbol für die Unschuld des Menschen.

Mit Satz 5 erklingt die Antwort Jesus, ein Vers aus dem Sonntagsevangelium: Die Antwort Jesu auf den Vorwurf der Eltern: „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“

Die Melodieführung ist hier ganz auf eindringliche Deklamation abgestellt. Die Imitationen der Singstimme durch die Continuobegleitung lassen sich als Symbol der Nachfolge deuten, die Jesus seinem himmlischen Vater zu leisten schuldig ist:

Satz 6 nimmt mit den Worten „Dies ist die Stimme meines Freundes“ eine Wendung aus dem Hohenlied Salomos auf. Dankbar erkennt der suchende Mensch, dass sich Jesus in seines Vaters Haus, in Predigt und Sakrament im Glauben finden lasse:

Voller Freude gelobt nun der Christ, Jesus nicht mehr zu verlassen, sondern immer ihm anzugehören. Die Freude über den wiedergefundenen Jesus ist musikalisch nicht zu überhören. Der siebte Satz: Eine richtig festliche Arie.

Ein schlichter Choralsatz, die 6. Strophe des Liedes „Meinen Jesum lass ich nicht“  beschließt das Werk. Das, was in der vorangegangene Arie der einzelne Christ gelobt hat, das gelobt nun die ganze Gemeinde und verstärkt damit die Aussage.

Über die Entstehung dieser Kantate ist wenig bekannt. Aufgeführt wurde sie am 9. Januar 1724. Mindestens eine Wiederaufführung hat es in späteren Jahren, nach 1735, gegeben. Vermutlich hat Bach die Kantate bereits vor Leipzig, also zu seiner Weimarer Zeit komponiert. 

BWV 154: „Mein liebster Jesu ist verloren“.

Tölzer Knabenchor, Concentus musicus Wien, Leitung: Nikolaus Harnoncourt.

Quelle: Alfred Dürr, Die Kantaten Johann Sebastian Bachs, Bärenreiter 1995.