08.02.2019 - 14:34

Yannic Han Biao Federer über 'Und alles wie aus Pappmaché' Heimkehr ins fremde Zuhause

Jian hängt zwischen den Welten. Seine von Oberflächenreizen irritierte Generation sucht nach Orientierung. Yannic Han Biao Federer erzählt in 'Und alles wie aus Pappmaché' vom Aufwachsen in der Provinz und von der Entfremdung, die bei den Vätern beginnt.

"Ich werde sofort misstrauisch, wenn jemand sagt, 'Das ist meine Heimat'. Das glaube ich einfach nicht, denn da ist immer schon ein Moment der Verklärung und der Erzählung am Werk", sagt Yannic Han Biao Federer im DOMRADIO.DE Interview. Wo bin ich zuhause? Woher komme ich?, fragt sich auch Jian in dem Roman 'Und alles wie aus Pappmaché'. Vier junge Leute aus der badischen Provinz suchen ihren Weg ins Leben. "Das erste chronologische Kapitel im Roman spielt am 11. September 2001", erzählt der Autor. "In dem Kapitel versuche ich zu zeigen, wie die Terroranschläge in New York, die über die Massenmedien in die Häuser dringen, auf die jungen Menschen wirken. Sie verstehen nicht wirklich, was das für Konsequenzen für sie hat".

Der Weltenbrand als Grundrauschen des Lebens

Während es in der Welt kracht und rumort, hängen die Jugendlichen in der Provinz im Skatepark herum, denken an Mädchen, verlieben sich, probieren sich aus. "Die sind mit dem normalen Klein-Klein der Pubertät beschäftigt und zugange. Diese kleinen Dramen sind für die Jugendlichen gerade dramatisch genug und ich versuche das gegen die großen Dramen auf der Weltbühne, wo viele Menschen sterben, zu kontrastieren", sagt Federer. "Der Weltenbrand, der immer alles im Hintergrund begleitet, ist zum Grundrauschen des Lebens geworden – zum Grundrauschen der Wahrnehmung. Und trotzdem ist man vollkommen legitimerweise traurig über seine kleinen persönlichen Dramen".

Jian, die Hauptfigur in Yannic Federers Roman, läßt sich von den Ereignissen um ihn herum treiben. Er entscheidet nicht, vieles wird für ihn entschieden. Er ist eher Zuschauer und Erzähler. Er sucht nach Worten und Geschichten, um erzählerisch in einen Zusammenhang zu bringen, was er erlebt. "Er ist verliebt in Sarah, zumindest findet er sie wahnsinnig interessant, kennt sie aber kaum, möchte sie aber sehr gerne treffen", beschreibt Federer Jians Situation, "und er denkt viel zu viel über sie nach. Dann aber ergibt es sich, dass er mit Anna schläft. Das kommt einfach so. Dann ist das mit Sarah eben vorbei, weil Sarah davon erfährt, weil immer alle alles wissen. Das hat Jian nicht entschieden, das kam so".

Die Risse unter der Oberfläche

"Und alles wie aus Pappmaché" sagt Sarah am Ende des Romans, als die Gruppe sich nach Jahren wiedertrifft, beim Blick auf die renovierten Fassaden in ihrem Städtchen. Frisch verputzt wurden die Fassaden der Häuser, weil die Mauern darunter rissig sind. Sogenannte Hebungsrisse haben die Häuser kaputt gemacht. "Das heißt, die Fassade verbirgt die Brüchigkeit und Porosität, die alles hat", sagt der Autor. "Für mich ist das ein ganz wichtiges Bild, weil die Freunde natürlich zu diesem Ort zurückkommen, von dem sie herkommen, dort aber nicht mehr den Ort finden, von dem sie tatsächlich stammen. Der ist geographisch nicht lokalisierbar. Man kann da eigentlich nicht hin zurück. Das ist gerade der Clou am Ende, das wir eigentlich nur in den Erzählungen von diesen Orten beheimatet sind, aber diese Orte zeitlich gebunden sind – die verschwinden". Orte verschwinden mit der Zeit, wie auch unsere Kindheit verschwindet. Nur die Erzählungen darüber bleiben.

Yannic Han Biao Federer hat einen hellsichtigen Roman über vier Jugendliche geschrieben, die nach ihrem Platz in der Welt suchen und erkennen müssen, dass unsere Geschichten über die Vergangenheit immer nur einen subjektiven Aspekt des Lebens abbilden. Und doch entsteht aus unseren Erzählungen eine Wirklichkeit, die auch unser Tun in der Gegenwart prägt .

Am Ende stirbt ein Freund aus dem Jahrgang der Jugendlichen. Auf der Beerdigung treffen sie sich wieder. Aber die katholischen Rituale der Beerdigung sind ihnen fremd geworden. Sie können die Lieder nicht mehr mitsingen. Hier schöpft der Autor auch aus eigenen Erfahrungen. "Ich bin im kirchlichen Kontext aufgewachsen", erzählt er. "Ich bin da auch lange in der Kirchengemeinde eingebunden gewesen und erinnere mich sehr gerne daran. Und trotzdem ist auch das etwas, was ich zurück gelassen habe. Wo ich zwar zurückkehren kann, was sich dann aber unter der Hand schon wieder verwandelt hat und nicht mehr das ist, was ich einmal gekannt habe".

Veranstaltungshinweis: 21. Februar 2019 / Yannic Han Biao Federer / 'Und alles wie aus Pappmaché' / Lesung und Gespräch im Kölner Literaturhaus / 19 Uhr 30

Moderation: Johannes Schröer
(DR)

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