07.09.2018 - 10:00

Thomas Raab über seinen Krimi 'Walter muss weg' Der Mensch an unserer Seite ist das größte Geheimnis

Es geht um eine Ehe, eine hundsmiserable Ehe. Und dann stirbt der alte Ehemann der grantigen Frau Huber. Aber im Sarg liegt plötzlich jemand anderer. Hanni Huber muss nun ermitteln, was aus ihrem Mann geworden ist. Der Roman 'Walter muss weg' von Thomas Raab ist viel mehr als ein Whodunit-Krimi. Mit viel Sympathie und Liebe nähert sich der Autor seinen Romanhelden, die sich die großen Fragen des Lebens stellen.

"Den Tod als Grenze zu begreifen, auf den alles zugeht – das ist auch ein sehr erlösender Gedanke. Der macht mir keine Angst", sagt Thomas Raab im DOMRADIO.DE Interview. "Angst macht mir vielleicht, dass es so ein Siechtum wird, davor hat man möglicherweise Angst." Diese Angst sei aber auch wieder die Angst desjenigen, der vor dem Wald stehend denke, er werde sich darin verirren, und das müsse schrecklich sein. "Aber wenn ich im Wald bin und mich verirrt habe und einen Ausweg suche, dann ist die Situation eine ganz andere", meint Raab. "Dann bin ich wahrscheinlich weniger der Geplagte, als der, der da draußen steht und sich ausmalt, wie es sein wird."

Der Tod ist für Krimiautor Thomas Raab nichts Schreckliches, sondern gehört zum Leben. So beginnt sein Krimi 'Walter muss weg' auch mit einer Beerdigung. "Gestorben ist nach 53 Ehejahren der Ehemann der alten Huber. Und die alte Huber freut sich, wie man bei uns sagt, einen Haxn aus", erzählt der Autor, "weil das eine ganz schlechte Ehe war, eine wortlose, von Schweigen geprägte Ehe. Also der Ehemann ist gestorben, aber beerdigt wird dann leider jemand Anderer. Der Sarg fällt in die Grube, springt auf und es liegt nicht der Ehemann drin."

Die alte Huber ermittelt

Dass im Sarg nicht Walter, sondern ein anderer Mann liegt, ist für die alte Frau Huber ein Schock. Eigentlich war sie froh, ihren Ehemann Walter nach vielen mühsamen Ehejahren los zu sein – und nun das. Ein falscher Toter im Sarg. "Die alte Huber kann somit keinen Schlussstrich unter ihr Leben ziehen und muss sich auf die Suche nach ihrem Ehemann begeben", beschreibt Raab die Motivation der 'Ermittlerin' Hanni Huber. Dabei fragt sie sich auch, was das eigentlich für eine Ehe war, die sie geführt hat, dieses stumme Miteinander. "Auch wenn man aneinander vorbeilebt, man lebt trotzdem noch miteinander", sagt Raab. "Auch wenn man jeder in einem anderen Stockwerk lebt, so wie der Walter und die Hannelore, sie sind trotzdem im gleichen Haus. Durch dieses Suchen nach dem Ehemann wird ihr auch klar, was ihr abhanden gekommen ist – nicht nur Schlechtes." Die alte Huber wird zur Ermittlerin in dem Krimi. Sie ist sicher eine der kauzigsten Ermittlerinnen, die ein Krimiautor je erschaffen hat. "Sie ist siebzig und sie ist eine Siebzigjährige, wie ich sie aus meiner Kindheit gekannt habe. So eine vom Leben gezeichnete – mit von der Ackerarbeit zerfurchten Händen und einem runden Rücken", beschreibt der Autor seine Romanheldin, "und nicht so wie meine Schwiegermutter, die in der Stadt im Büro gearbeitet hat und eine total hübsche ansprechende Frau ist. Aber der nimmt man die siebzig Jahre nicht ab."

Jeder Mensch ist sein eigenes Universum

Mit Hannelore Huber, einer alten grantigen Frau auf dem Dorf, hat Thomas Raab einen tollen Charakter erfunden. Beim Schreiben sei sie ihm richtig ans Herz gewachsen, gesteht er. "Ich habe soviel Respekt vor diesem Alter, vor Siebzigjährigen, die auf ihren Bänken an der Straße sitzen und wir gehen an ihnen vorbei. Und der Gedanke ist gar nicht da, sich zu ihnen zu setzen und sich etwas erzählen zu lassen. Ich glaube diese Alten können uns viel mehr vom Leben erzählen, als wir eine Ahnung haben – und das wollte ich mit der alten Huber ein bisschen ausleben."

Unterstützt wird die alte Huber bei ihren Ermittlungen eher unfreiwillig von einem fremden rotzfrechen Mädchen, das den vielversprechenden Nachnamen Glück trägt. Thomas Raab hat einen packenden Dorfkrimi geschrieben - mit einigen Leichen in verschiedenen Kellern. Ein Krimi auch voller Komik, aber nicht nur das, denn immer wieder lässt der Autor im dörflichen Milieu und bei den Alten viel Lebensklugheit aufblitzen, wenn es zum Beispiel heißt. 'Da suchen wir ein Leben lang in den abgelegendsten Winkeln nach verborgenen Schätzen und doch ist der Mensch an unserer Seite das größte Geheimnis.' "Vielleicht ist das auch eine Einsicht, die ich mir wünsche. Das hat auch viel mit dem Glauben zu tun. Es passt gut, dass ich das jetzt im DOMRADIO sagen kann, dass ich eben gar nicht alle Geheimnisse kennen muss, sondern dass es einfach ausreicht zu wissen, da ist jemand, der ist für sich sein eigenes Universum und ich nehme ihn jetzt so an, wie er ist und muss gar nicht so tief eindringen, nicht alles zerreden, sondern mich einfach nur über sein Dasein freuen und dran glauben, dass es gut ist."

Am 2. Oktober liest Thomas Raab aus seinem Krimi 'Walter muss weg' in Köln, im Rahmen der Crime Cologne im Bestattungshaus Kuckelkorn, Beginn 20 Uhr

 

Moderation: Johannes Schröer
(DR)