11.04.2017 - 14:08

Professor Volker Leppin über "Die fremde Reformation - Luthers mystische Wurzeln" Katholiken und Protestanten haben eine gemeinsame Spiritualität

"Für evangelische und katholische Christen gibt es eine gemeinsame spirituelle Grundlage", sagt Volker Leppin. In seinem Buch "Die fremde Reformation – Luthers mystische Wurzeln" zeigt der evangelische Professor für Kirchengeschichte, wie Martin Luther sein Denken aus der katholischen Mystik des späten Mittelalters entwickelt hat.

In den vergangenen Jahrhunderten wurde Martin Luther immer wieder neu gesehen und neu eingeordnet – als Nationalheiliger, als ein Vater der Aufklärung, als jemand, der die Neuzeit eingeläutet und das finstere Mittelalter beiseite geschoben hat. "Im Grunde sind wir dabei, immer wieder Geschichtsbilder von diesem Luther zu rekonstruieren",  sagt Professor Leppin, "im 17. Jahrhundert war es der Kämpfer gegen den Antichrist. Im 19. Jahrhundert war es der nationale Held – bis ins 20. Jahrhundert. Bezeichnend ist, dass wir im 21. Jahrhundert gar nicht so genau wissen, was der gegenwartsorientierte Luther ist, und trotzdem schleppen wir noch die alten Bilder mit". Leppin ist davon überzeugt, dass man Luther nur verstehen kann, wenn man seine Zeit genau anschaut, denn "als er mit seinen ersten Veröffentlichungen aufgetreten ist, da war er schon Mitte 30, da war er schon geprägt als Mönch, war geprägt von seinem Elternhaus", erklärt Leppin.

Die Gottesgeburt in der Seele

Geprägt war Luther von der Theologie seiner Zeit – und da waren es die katholischen Mystiker, die es ihm angetan hatten, eine große, prominent besetzte Bewegung des späten Mittelalters. "Im Kern ist die Mystik eine Art von Theologie und Frömmigkeit, die um den Gedanken kreist, Gott kommt mir ganz nah. Gott ist nicht durch alles Mögliche hindurch fern von mir, sondern er ist in meinem Inneren da", erklärt Proeffor Leppin. "Die Bilder, die die spätmittelalterlichen Mystiker nutzen, sind die von dem ´Fünkelin´, von dem Fünklein in der Seele, da ist schon Gott. Oder noch plastischer und für Luther sehr prägend, die Gottesgeburt in der Seele: Weihnachten passiert immer neu in mir". Diese neue Spiritualität hat Luther von großen Mystikern wie Meister Eckhart übernommen, der auch wegen seiner Theologie vom Papst verurteilt wurde, denn die neue Art zu denken, enthielt viel Sprengstoff. Bislang war die offizielle Amtskirche mit ihren Hierarchien für das Seelenheil der Menschen zuständig, und nun kommen die Mystiker und sagen, wichtig ist, dass ich allein und persönlich meine Sünden vor Gott rechtfertige. Die Beichte und der Ablass sind dabei nicht bedeutend. Und auf einmal knallt es. Luthers Theologie, die er aus der Mystik entwickelt hat, wird politisch, "wo es um die Entfaltung des allgemeinen Priestertums der Glaubenden oder der Getauften geht", erläutert Leppin, "als Luther diesen Gedanken an einer ganz bezeichnenden Stelle vertritt, nämlich in seiner Schrift an den christlichen Adel deutscher Nation, da formuliert er den Ansatz, Kirche neu und ohne den Papst zu bauen. Obwohl der Gedanke selbst, sich aus der spätmittelalterlichen Mystik erklären läßt".

Protestanten und Katholiken haben gemeinsame mystische Wurzeln

Martin Luther war mit seinen Ideen also nicht allein. Er gehörte zu einer Bewegung – einer Grupp von Reformern. "Aus einer Person, die zu einer großen Menge von Reformern gehörte, hat Luther sich dann schnell herauskristallisiert - als die Symbolgestalt der Veränderung schlechthin", sagt Volker Leppin. Luther hat die Ideen katholischer Theologen im späten Mittelalter aufgegriffen. Die Reformation baut nicht nur auf ihn allein auf. Professor Leppin ist davon überzeugt, dass die gemeinsamen Wurzeln, die katholische und evangelische Christen hier haben, uns heute in der Ökumene helfen können. "Wir können intensiver sehen, dass es da eine gemeinsame Grundlage für einen Martin Luther und auch für den Gründer der Jesuiten, Ignatius von Loyola, gibt", sagt er, "beide kommen aus der spätmittelalterlichen Mystik. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, dass diese absoluten Gegner einen solchen gemeinsamen Grund hatten. Für uns in der Ökumene heißt das, wir können uns noch einmal zurücklehnen und schauen, wo das alles herkommt. Wir schauen nicht auf die vielen Formulierungen, um die wir heute in der Ökumene ringen, sondern wir schauen darauf, dass es eine gemeinsame Grundlage gibt".

Moderation: Johannes Schröer
(C.H.Beck)