Mirko Bonné
Mirko Bonné

29.03.2021 - 12:31

Mirko Bonné über 'Seeland Schneeland' Wenn Schnee die Wirklichkeit zersplittern läßt

Es schneit – es hört nicht auf zu schneien. Der Schnee verwandelt die Welt und er verwandelt die Menschen. In seinem Roman ‘Seeland Schneeland’ konfrontiert Mirko Bonné seine Romanhelden mit der Wucht einer Naturkatastrophe, die ihr Dasein verändert.

Autor Mirko Bonné knüpft in seinem neuen Roman ‘Seeland Schneeland’ an ein Buch an, das er vor 15 Jahren geschrieben hat. In dem Roman ‘Der eiskalte Himmel’ hat er die Geschichte von Merce Blackboro erzählt, dem Sohn einer walisischen Schiffszimmerer-Familie. Als blinder Passagier hat er sich an Bord der Endurance von Polarforscher Sir Ernest Shackleton geschlichen. Das Schiff wird vom Packeis eingeschlossen und zerdrückt. Dank des nahezu übermenschlichen Einsatzes von Shackleton konnte die gesamte Besatzung gerettet werden.

Etwas in seinem Inneren ist in der Antarktis geblieben

Merce Blackboro ist nun zurück in seiner Heimatstadt Newport in Wales. Doch er kann sich nicht in den für ihn bestimmten Büroalltag einfinden. Er fühlt sich elend, hundemüde. Etwas tief in seinem Inneren war in der Antarktis geblieben, schreibt Bonné. “Das ist die Frage, die ihn quält und die mich lange gequält hat”, erzählt der Autor im DOMRADIO.DE Interview, “nämlich herauszuarbeiten, was Merce in seinem Leben in Newport, in der Enge der Stadt, in der Vorherbestimmtheit seines Lebens vermisst”.

Das nackte Fleisch der Dinge

Merce vermisst etwas, was er in der Antarktis erlebt hat. Die Erhabenheit der Natur oder wie Polarforscher Shackleton es nennt, das nackte Fleisch der Dinge. “Ich war selbst 2007 in der Antarktis”, sagt Bonné, “und konnte mir seither sehr gut vorstellen, was Shackleton damit gemeint hat, nämlich einen wirklich unverstellten Zugang zu den Naturgegebenheiten, zu den Tieren, zum Licht und zur Stille. Und ich denke mir, wenn man einmal dort gewesen ist - an einem solchen Ort, dann fehlt da etwas, wenn man zurückkehrt”.

Auf einem Auswanderer-Schiff

Merce Blackboro macht sich auf die Suche. Ihm fehlt etwas. Er bricht auf. Er folgt seiner großen Jugendliebe Ennid Muldoon. Die Liebe ist das einzige, was ihm möglicherweise Erfüllung seiner Sehnsucht verspricht. Aber Ennid liebt ihn nicht. Nach dem Tod ihrer im Krieg gefallenen Liebe Mick, ist sie auf und davon. Sie ist nach Amerika aufgebrochen. Sie hat alles stehen und liegen gelassen und fährt auf einem Auswanderer- Schiff in die USA. Sie kann die Liebe von Merce nicht erwidern. “Wir wissen ja alle, dass die Liebe sich nicht erzwingen lässt”, sagt Bonné, “und auch nicht erzwingen lassen sollte. Aber Merce hält, solange es möglich ist, an dieser Liebe fest und er folgt seiner Ennid”.

Große Teile des Romans “Seeland Schneeland” spielen auf einem Auswanderer-Schiff in den drei Gesellschaftsklassen der verschiedenen Passagierdecks. Das Schiff spiegelt hier die ganze Welt mit all ihren Problemen im Jahr 1921. “Es war für mich eine sehr, sehr faszinierende Möglichkeit, Gesellschaftlichkeit auf engstem Raum darzustellen”, sagt der Autor, “und dann die Möglichkeit, diese Hierarchien zu sprengen. Wenn dann das Schiff einer Naturgewalt gegenübersteht, die alles durcheinanderwirbelt. Die Naturgewalt, das ist der Schnee, denn es hört einfach nicht auf zu schneien”.

Am Ende ist der Schnee überall

Neben Ennid, die in der dritten Klasse auf dem Auswanderer-Schiff reist, lernen wir auf dem Schiff auch den exzentrischen New Yorker Hotel-Tycoon Diver Robey kennen, ein Alkoholiker, der ständig herumpoltert und sich mit dem Kapitän des Schiffes anlegt. Robey hat alles Geld der Welt, aber er ist erfüllt von Langeweile und einem tiefen Lebensekel.  

Der Schnee, der schwere Schnee, drückt das Schiff langsam nach unten. Der Schnee sei in dem Buch ein Gegenüber, den man nicht kontrollieren könne und der auch optisch gesehen etwas mache - mit uns, sagt Bonné: “Der nämlich die Wirklichkeit zersplittern lässt und die Zeit aufzuheben scheint. Das zu politisieren war mir eine große Freude und eine Herausforderung”.

So erzählt Mirko Bonné auch von einer Verwandlung. Die Schneekatastrophe verwandelt nicht nur die Natur, sondern durch die Schneekatastrophe werden auch gesellschaftliche Standesgrenzen aufgelöst. Der unablässig fallende Schnee verwandelt die Natur und er verwandelt die Menschen, die im Lauf der Handlung ihr altes Leben hinter sich lassen. Mirko Bonné läßt seine Romanhelden von ihrem alten Leben Abschied nehmen. Sie können loslassen und neu anfangen, obwohl ihr Aufbruch auch ein Aufbruch ins Ungewisse ist. Am Ende ist der Schnee überall. Aber er befreit die Menschen auch und bietet ihnen eine neue Zukunft an.

 

(DR)