02.04.2013 - 11:19

Michael Köhlmeier über Monster und Heilige "Die Abenteuer des Joel Spazierer"

Joel Spazierer ist ein eigentümlicher Romanheld. Er ist charmant, er ist sympathisch, er ist mit Gott im Bund, er ist ein vom Dasein gesegneter Mensch. Das ist die eine Seite. Joel Spazierer ist aber auch ein Lügner, ein Hochstapler, ein Verbrecher, sogar ein Mörder, einer der von sich sagt: „Ich besaß nie den Ehrgeiz, ein guter Mensch zu werden; auch wenn ich eine Zeitlang glaubte, Moral gehöre zu unserer Grundausstattung.“ Michael Köhlmeier hat einen Romanhelden geschaffen, der für uns eine groteske Höllenfahrt in die Abgründe unseres Daseins macht.

Aber diese Höllenfahrt hat nichts visionär Apokalyptisches oder den Leser bedrohendes. Die Höllenfahrt ist ein sehr reales Abenteuer mit komischen Wendungen. Am Ende wird Joel Spazierer Professor für wissenschaftlichen Atheismus in der DDR. Im domradio.de Interview erklärt Michael Köhlmeier, was das für eine Moral ist, die seinen Helden bestimmt: „Ich beschreibe einen Menschen, der vormenschlich lebt, für den unsere herkömmliche Moral keine Rolle spielt, weil er die Zuneigung der Mitmenschen nicht benötigt. Die Abgeschiedenheit ist seine Bestimmung.“

Joel Spazierer wächst im stalinistischen Ungarn auf. Als seine Großeltern, bei denen er wohnt, von der Straße weg verhaftet werden, verbringt das vierjährige Kind fünf Tage ganz allein in der Wohnung. In diesen Tagen erkennt der Junge, dass er auch alleine überleben kann und dass andere Menschen für sein Leben keine ihn berührende und bestimmende Rolle spielen. „Ich bin ein Tier in Menschenhaut gefangen, bald werde ich erlöst“, sagt er von sich selbst.

Das Monströse des Joel Spazierers speist sich aus den gleichen Quellen, die auch einen Heiligen zu einem übermenschlichen Mischwesen machen. Auch hier spielt die Abgeschiedenheit als Bestimmung eine große Rolle. Und am Ende seines Romans zitiert Köhlmeier den Mystiker Meister Eckhart, den sein Romanheld für sich entdeckt: „So finde ich nichts anderes, als das lautere Abgeschiedenheit alles übertreffe, denn alle Tugenden haben irgendein Absehen auf die Kreatur, während Abgeschiedenheit losgelöst von aller Kreatur ist.“