Nora Bossong
Nora Bossong

26.10.2015 - 11:01

Nora Bossong schreibt in "36,9°" über Antonio Gramsci "Leidenschaft und Denken gehören zusammen“

"Wenn es die Liebe nicht gäbe, wenn sie verschwände, wäre die Welt nur ein Stein, der durchs Nichts fällt", schreibt Nora Bossong in ihrem neuen Roman „36,9°“. Der große Intellektuelle Antonio Gramsci verliebt sich, ein Kontrollverlust, der ihn durchschüttelt. "Leidenschaft und Denken gehören zusammen", sagt Nora Bossong im domradio Interview.

Kann man ein ganzes Land retten und gleichzeitig hoffnungslos verliebt sein? Nora Bossong erzählt von Antonio Gramsci, dem legendären italienischen Kommunisten zwischen den Weltkriegen. "Der Irrtum der Intellektuellen besteht im Glauben, man könne wissen, ohne zu glauben, und vor allem, ohne zu fühlen und leidenschaftlich zu sein", so zitiert der Akademiker Anton Stöver Antonio Gramsci. In einer zweiten Erzählebene geht es um den Wissenschaftler Stöver, der heute über den "Heiligen" Gramsci in Rom forscht. In Nora Bossongs Roman steht der gescheiterte Wissenschaftler für den Menschen-Typus, der sich in Selbstliebe verstrickt, der beziehungsunfähig durchs Leben taumelt und so an den großen Ideen von Gramsci vorbei lebt.

Antonio Gramsci hadert mit der Liebe, die auch immer ein Kontrollverlust ist. "Inwieweit dürfen wir uns so sehr in der Liebe an einen einzelnen Menschen binden, dass wir ihm gehorchen und folgen müssen, nicht weil er es uns befiehlt, sondern weil es unser Wunsch ist?" fragt Nora Bossong in ihrem Buch: "Inwiefern geben wir da unsere Unabhängigkeit auf". Sie schildert Antonio Gramscis Leben als eine Tragödie – elend stirbt er, erleidet im Gefängnis ein Martyrium. Anton Stöver, der links intellektuelle Akademiker heute, ist nur noch eine Karikatur, er persifliert durch sein verkorkstes Leben die großen Ideen von Antonio Gramsci: "Zu einer tatsächlichen Menschenliebe ist Anton Stöver nicht fähig, weil er so in sich selbst verknotet und verzauselt ist, dass er da gar nicht mehr durchdringt." Nora Bossong erzählt mitreißend von großen Gefühlen, großen Ideen und inneren Konflikten und von Menschen, denen alles fehlt, wenn sie zur Liebe nicht fähig sind.