26.06.2020 - 17:27

Karosh Taha über Emanzipation und Selbstbestimmung Nationale Zuschreibungen sind Identitätsfallen

Wie sehr bestimmt es meinen Charakter, was andere über mich sagen? Im Roman von Karosh Taha ‚Im Bauch der Königin‘ geht es um Emanzipation. Die Autorin erzählt die Geschichte von Amal und Raffiq, die im Ruhrgebiet in einer kurdisch-deutschen Siedlung aufwachsen.

DOMRADIO.DE: Es wäre eine große Ungerechtigkeit, wenn es nur eine Wahrheit gäbe“, sagt der Vater von Amal in ihrem Roman ‚Im Bauch der Königin‘. Amal ist ein junges Mädchen. Ihre Eltern sind aus Kurdistan ins Ruhrgebiet gezogen. Dort hält es der Vater aber nicht aus. In Kurdistan hat er als Architekt gearbeitet – jetzt muss er Gabelstapler fahren. Er geht zurück in seine Heimat. Seine Familie bleibt in Deutschland. Amal sucht ihren Vater. Sie sucht auch nach ihrem Weg ins Leben. Wer ist ihre Romanheldin Amal?

Karosh Taha (Autorin): Wenn wir jetzt nach den Kategorien gehen, die man ansonsten zu Identitätsfragen anwendet, dann ist Amal ein deutsch-kurdisches Mädchen, das irgendwo im Ruhrgebiet lebt und eigentlich die ganze Zeit davon erzählt, dass der Vater die Familie verlassen hat. Sie erinnert sich an ihre Zeit mit ihrem Vater in Deutschland. Ohne dass sie einen ersichtlichen Grund dafür finden kann, ist er verschwunden, beziehungsweise hat die Familie verlassen. Sie versucht, dem Grund nachzugehen, fliegt dann nach Kurdistan, um ihren Vater zu treffen und mit ihm zu sprechen. Amal ist aber vor allem im Viertel dafür bekannt, dass sie Younes, ihren späteren besten Freund, verprügelt hat und daraufhin von vielen ihrer Freundinnen und Freunde gemieden wird und von den Leuten im Viertel als wildes Mädchen bezeichnet wird, als Bursche, als Mogli-Mädchen, unzivilisiert, wild und jungenhaft.

DOMRADIO.DE: Amal entspricht nicht dem Klischee des braven, passiven Mädchens. Sie weiß schon, was sie will?

Taha: Dieses Klischee von einem Mädchen oder die Erwartungshaltung, die man an eine Frau oder ein Mädchen hat, versucht sie irgendwie in das Gegenteil umzukehren. Sie macht das nicht bewusst, aber für mich war es wichtig zu schauen, wie würde man auf so eine Person reagieren, wenn sie nicht den Erwartungen entspricht? Alle Menschen, die den Erwartungen nicht entsprechen, stoßen meistens auf Ablehnung, weil man diesen Menschen, diese Person nicht kategorisieren, nicht einschätzen kann und das Verhalten nicht kalkulieren kann, um irgendwie mit diesen Menschen umzugehen. Aber das ist nicht das Problem von dieser Person, sondern das ist das Problem von mir selbst, wenn ich dann mit so einem Menschen nicht umgehen kann.

DOMRADIO.DE: Inwiefern prägen dann auch unsere Vorurteile und unsere vorgefertigten Bilder die Menschen, die wir so kategorisieren – und nach unseren Vorurteilen auch dementsprechend behandeln? Auch darum geht es in ihrem Roman.

Taha: Es geht um Fremdwahrnehmung und Selbstwahrnehmung. Fremdwahrnehmung ist meistens viel mächtiger als die Selbstwahrnehmung und kann diese sehr beeinflussen, so dass man sich eben nur noch nach dieser Fremdwahrnehmung verhält und nur noch in diese Richtung agiert. Die Frage in meinem Roman ist, was passiert, wenn man die eigene Selbstwahrnehmung, die eigene Selbstzuschreibung durchsetzen möchte? Wie reagiert dann die Gesellschaft. Das ist in meiner Geschichte nicht nur in der Figur der Amal zu sehen, sondern eigentlich in allen Figuren. Alle Figuren wehren sich dagegen, dass irgendeine Autorität ihnen sagt, was sie zu tun haben. Das gilt auch für Amals Mutter. Sie ist alleinerziehend, sie arbeitet. Auch sie wehrt sich zum Beispiel gegen die gesellschaftliche Erwartung, ihrem Mann hinterher zu reisen und bei ihm zu leben. Sie entscheidet sich dafür, in Deutschland zu bleiben.

DOMRADIO.DE: Amal sagt einmal „Vater hinterließ Zersplitterung“. Warum ist er nach Kurdistan zurückgegangen?

Taha: Er ist gegangen, weil er in Deutschland keine berufliche Zukunft hat. Er ist in Kurdistan Architekt gewesen, er hatte einen Beruf, der ein gewisses Ansehen in der Gesellschaft hat. Und in Deutschland muss er als Gabelstaplerfahrer arbeiten. Er ist ein Mensch, der ziemlich unabhängig ist und selbstständig und selbstbewusst und genau weiß, wo seine Fähigkeiten liegen. Er kehrt dann nach Kurdistan zurück, um dort eine eigene Firma aufzubauen und er sagt, er habe dort darauf gewartet, dass seine Familie ihm folgt. Als seine Familie aber nicht kommt, erlaubt er sich dort eine neue Familie zu gründen.

DOMRADIO.DE: Die Väter in ihrem Roman kommen in Deutschland nicht klar. Das waren Architekten, Ärzte, Akademiker und sie sollen jetzt als Gabelstaplerfahrer arbeiten und sagen: ‚Nein, das wollen wir nicht‘.

Taha: Ich finde es immer interessant, dass gesagt wird, die Figuren kommen nicht klar. Die Figuren kommen sehr gut klar. Das Problem des Vaters ist doch, dass er nicht als Architekt arbeiten darf – nicht, weil er es nicht kann, sondern er darf es nicht. Die Probleme kommen eigentlich von außen. Die Figuren werden eigentlich daran gehindert, das zu tun, was sie eigentlich auch an einem anderen Ort vorher getan haben. Man kann doch nicht so tun, als wären diese Konflikte aus den Figuren heraus geboren, sondern sie kommen immer von außen. Es ist, als wäre die Vergangenheit des Vaters einfach ausgelöscht worden, nachdem er diese Grenze überschritten hat, die Grenze nach Deutschland. Als hätte es sein früheres Leben einfach nicht gegeben. Das finde ich einfach so unfair. Man weiß genau, was man kann und zu was man fähig ist - intellektuell. Und das wird einem dann nicht zugestanden.

DOMRADIO.DE: Sie haben in einem Interview gesagt, Identität sei ein Begriff, der politisch besetzt ist. Wie haben sie das gemeint?

Taha: Es geht hier wieder um diese Konzepte, die die Gesellschaft vorgibt, nach denen man irgendwie leben kann oder eben nicht. Die Vorstellungen und die Regeln. Was mich daran stört, ist ja diese Eingrenzung - im politischen Sinne in extrem nationale Kategorien. Deutsch oder kurdisch zum Beispiel. Aber diese Kategorien beschreiben Amal einfach nicht. Wenn man mein Buch gelesen hat, versteht man das. Und genauso greift es zu kurz, wenn man mich als deutsch-kurdische Schriftstellerin bezeichnet.

DOMRADIO.DE: Das ist die Gefahr des Schubladendenken. Man definiert sie und identifiziert sie als deutsch-kurdische Autorin?

Taha: Das heißt ja auch, dass der, der dieses Schubladendenken hat, sich selbst in so ein Bild einsperrt. Er schränkt seinen Blick ein. Wenn man das Buch aus dem Blickwinkel liest, es sei eine Geschichte, die die Probleme von deutsch-kurdischen Menschen erzählt, hat man diesen Filter. Und es würde einfach zu kurz kommen zu sagen: Ach so, es geht hier um eine kurdische Community in Deutschland. Dann würde es bedeuten, es geht eben nur um diese politischen Themen und um Nationalitäten. Aber es geht mir nicht um tagesaktuelle Themen, sondern mir ist es wichtig, universelle menschliche Erfahrungen darzustellen, die in vielen Zeiten an verschiedenen Orten gespielt haben. Im Grunde geht es um menschliche Probleme, die uns alle betreffen: Das Erwachsenwerden, das Sich-befreien, sich auseinandersetzen mit dem, was auf einen projiziert wird. Die Schwierigkeiten, mit Freiheit umzugehen, all das, was uns alle beschäftigt.

DOMRADIO.DE: Welche Rolle spielt denn die kurdische Community? Ist sie nur eine Kulisse für den Roman?

Taha: Die kurdischen Figuren sind mehr als nur eine Kulisse für den Roman. Für mich war es auch wichtig, dass es kurdisch-sprachige Menschen sind, um eben auch zu zeigen, dass kurdisch-sprachige Menschen genau die Probleme haben können, die auch alle anderen haben. Dass es eben nicht exotische Figuren sind, dass es nicht nur um meinen Alltag geht, sondern den Alltag vieler Menschen in Deutschland. Diese Menschen haben eben nicht nur diese politischen Konflikte aufgrund ihrer Herkunft, die man ihnen nachsagt, sondern das sind Menschen wie alle anderen. 

DOMRADIO.DE: Eine weitere zentrale Romanfigur ist Shahira. Sie wohnt auch in der Siedlung von Amal im Ruhrgebiet, wo viele kurdisch-stämmige Familien leben. Über Shahira schreiben sie in ihrem Roman: „Sie ist keine Nachbarin, sie ist keine Frau, sie ist kein Mensch - sie ist eine Idee, und jeder im Viertel sieht Shahira, in jedem Kopf spielt sich eine Geschichte ab, wenn Shahira  vorbeiläuft“. Sie ist eine Projektionsfläche für die Ideen der Menschen in der Siedlung. Sie ist fremd, exotisch, anziehend, zugleich aber auch abstoßend für die Menschen dort.

Taha: Shahira torpediert die Regeln und die Erwartungen, aber auch die Vorstellung, wie eine Frau zu sein hat. Vor allem die weibliche Sexualität, die Shahira verkörpert, stellt die Regeln der Menschen dort in Frage, dass weibliche Sexualität eben nur im Privaten, nur im Schlafzimmer stattfinden darf. Obwohl die Frau ja in unserer Gesellschaft extrem übersexualisiert ist, darf sie nicht über Sex sprechen, sie darf nicht wechselnde Partner haben. Das alles stellt Shahira in Frage, weil sie ihre Sexualität auslebt.

DOMRADIO.DE: Das trifft sie natürlich auch auf eine Kultur, die nicht sehr emanzipiert ist, was das Sexualverhalten betrifft. Die Männer sind Haudegen, wenn sie viele Frauen haben und die Frauen, die ihre Sexualität ausleben, werden als Schlampen beschimpft.

Taha: Ich finde das, so wie sie das sagen, problematisch. Vor allem habe ich das jetzt bei deutschen Leserinnen und Lesern so mitbekommen, dass das nur in der kurdischen Kultur so stattfinden soll. Aber das stimmt ja gar nicht. In Deutschland ist es ja genauso. Der Mann gilt immer noch als ein Haudegen und die Frau, die viele Affären hat, ihre Sexualität auslebt, die wird eher despektierlich behandelt, auf die wird herabgeschaut. Das ist doch in dieser Kultur ganz genauso.

DOMRADIO.DE: Nun hat Shahira einen Sohn, Younes, so heißt er, der ist auch der Freund von Amal. Younes ist geprägt vom Schicksal seiner Mutter.

Taha: Younes ist genau wie Shakira eigentlich auch eine Projektionsfläche für seine Freunde. Das Besondere an ihm ist, dass er sich sehr zurückhält, obwohl alle wissen, er ist intelligent. Er hat im Grunde alles durchschaut, schweigt aber. Er ist auch eine tragische Figur, weil die Gesellschaft ihn verachtet. Es gibt eine Stelle, wo ein Kioskbesitzer ihm verweigert, eine Cola zu verkaufen. Der Mann überträgt seine Verachtung der Mutter auf den Sohn. Younes bekommt das zu spüren und das macht wahrscheinlich seine Figur aus. Doch obwohl er irgendwie auch ein Opfer ist, verhält er sich nicht so. Er duldet das, er hält das aus, weil er nämlich, genau wie Amal, auch auf seinen Vater wartet, er hofft, dass irgendwann der Vater kommt und ihn aus dem Viertel rettet.

DOMRADIO.DE: Die Väter sind verschwunden. Die Suche nach den Vätern, das ist ein großes Thema in ihrem Buch – überhaupt geht es auch um das, was abwesend ist. Die Abwesenheit der Väter, die Abwesenheit der Religion. Das treibt die Menschen um.

Taha: Das ist ja etwas total Menschliches. Erst die Abwesenheit zwingt uns doch dazu, autonom zu werden. Ich glaube, dass gerade durch die Abwesenheit des Vaters von Amal oder auch die Abwesenheit von Younes Vater können die beiden viel mehr zu sich selbst finden - oder einen neuen Anker finden.

DOMRADIO.DE: Die Väter gehen zurück in ihr altes Leben - nach Kurdistan. Und die Frauen stellen sich den neuen Herausforderungen ohne die Familienväter. Sehen wir hier vielleicht wie unter einem Brennglas, wie es vielen Frauen in der Welt geht, wenn die Männer verschwinden oder versagen?

Taha: Ja, ich glaube, das trifft auf viele Frauen zu. Bei Männern ist das anders. Wenn Männer sich in gesellschaftlichen Konzepten und Rollen nicht wohlfühlen und mit Erwartungen brechen, dann wird ihnen eher verziehen als Frauen.

DOMRADIO.DE: Ihr Roman ist in zwei Teile geteilt. Das ist ganz wichtig für das Buch. Einmal erzählt Amal ihre Geschichte. Das sind 150 Seiten und plötzlich ist diese Geschichte zu Ende. Dann muss man das Buch umdrehen und von der anderen Seite neu anfangen zu lesen. Denn jetzt erzählt Raffiq seine Geschichte. Ein gleichaltriger Junge aus der Siedlung. Oder man beginnt mit der Raffiq Geschichte und liest dann die von Amal. Da erwartet man natürlich als Leser, dass die eine Geschichte aus zwei Blickwinkeln und Perspektiven erzählt wird. Aber dann überraschen Sie uns, denn so einfach ist das nicht - mit den beiden Perspektiven auf eine Geschichte.

Taha: Es sind zwei komplett verschiedene Geschichten. Ich wollte zunächst die Geschichte um Younes, Shahira und Raffiq aus Amals Perspektive noch einmal erzählen. Ich habe dann aber schnell gemerkt, diese Geschichte ist mit dieser Figur nicht zu erzählen. Ihre Stimme und ihr Charakter haben sich so aufgedrängt, dass diese Figur einfach anders geworden ist. Die allererste Szene, in der sie Younes verprügelt, das war für mich auch eine Frage, was ist, wenn zwei Menschen den gleichen Akt vollführen, aber dieser Akt von außen anders bewertet wird. Diese Bewertung gibt eigentlich den Charakter vor und bestimmt dann später auch ihr zukünftiges Verhalten und wie sie sich selber geben. Also wie groß ist der Anteil der Fremdbestimmung an der eigenen Persönlichkeit, darum geht es.

DOMRADIO.DE: Sie spielen da auch mit den Erwartungen und Reflexen der Leserinnen und Leser, denn die erwarten natürlich, dass die äußeren Gegebenheiten der beiden Geschichten identisch sind, da ja die gleichen Personen in dieser einen Siedlung vorkommen – also dass eben eine Geschichte aus zwei Perspektiven erzählt wird.

Taha: Ganz viele Leserinnen und Leser lesen das auch tatsächlich so als zwei Perspektiven auf eine Geschichte, die man, obwohl sie sich extrem widersprechen, doch miteinander vereinbaren kann. Und das finde ich auch interessant, dass man es trotzdem schafft, die Widersprüche und die Unwahrheiten eigentlich miteinander zu verknüpfen, weil man sich so dagegen wehrt, daß es sich eigentlich um zwei komplett verschiedene Realitäten handelt, also um zwei Wahrheiten.

DOMRADIO.DE: Das Erinnern und Erzählen ist immer ein Konstrukt und Projektion, erst recht, wenn es darum geht, dass uns etwas fremd und so ganz anders erscheint. So wie das Verhalten für Shahira in der Siedlung für alle fremd und anders ist.

Taha: Mir ging es auch darum, nicht zu sagen: Das ist die Wahrheit und so kann es sich nur abgespielt haben. Es geht eben auch darum, wie ich als Schriftstellerin eine Geschichte erzähle. Wo fange ich an? Was ist die Anfangsszene? Kann ich das wirklich als Konstrukt behandeln? Ist das nicht irgendwie etwas Organisches? Das war für mich die Frage, wie ich eigentlich mein Material behandele und wie es sich beim Erzählen verändert, wie Personen und Geschichten sich da entwickeln.

DOMRADIO.DE: Am Ende sagt Amal: „Ich erzähle nichts“. Das ist ein bisschen absurd, denn sie hat uns ja schon alles erzählt.

Taha: Ja, sie kennt die Gefahr der Erzählung. Am Anfang wird sie immer wieder aufgefordert zu erzählen, wie sie den Jungen verprügelt hat. Und sie erzählt es ja wirklich jedem und daraufhin wird hier ihr Charakter geformt - und am Ende entscheidet sie sich, ab jetzt schweige ich! Das gilt nicht für alle, aber sie erzählt es eben nicht mehr jedem. Sie weiß jetzt um die Macht des Schweigens.

DOMRADIO.DE: Wenn wir über die Macht der Zuschreibungen sprechen – dann gilt das ja auch für die Schubladen, in die sie gesteckt werden. Sie sagten, dass sie oft als kurdisch-deutsche Schriftstellerin charakterisiert werden. Aber Sie würden ja nicht deswegen sagen: ich höre auf zu erzählen, weil ich in diese Schublade gesteckt werde?

Taha: Nein, ganz im Gegenteil. Ich glaube - das motiviert mich noch mehr zu schreiben und auch über kurdische Figuren zu schreiben, weil ich damit zu einer gewissen Normalität - in Anführungsstrichen - in der deutschsprachigen Literatur beitragen möchte. In einer Rezension hieß es: „Sie hat wieder über die kurdische Community geschrieben“. Ich dachte: Und? Was ist so schlimm daran? Über Juli Zeh sagt ja auch niemand, jetzt hat sie schon wieder über Deutsche geschrieben. Das ist so absurd, in diesen Kategorien zu denken.  

Das Interview führte Johannes Schröer

Moderation: Johannes Schröer
(DR)