Ales Steger
Ales Steger

15.01.2016 - 11:26

Der slowenische Autor Ales Steger über eine verunsicherte Stadt "Die Silvesternacht wird Köln verändern"

"Köln wird sich nach der Silvesternacht neu definieren müssen", sagt der slowenische Autor Ales Steger. Er ist in diesen Wochen Gast der Universität Köln. "Die Stadt lebt von Ritualen", beobachtet Steger, "Karneval, Neujahr, Weihnachten sind für Köln identitätsstiftend. Diese Rituale stoßen jetzt auf eine neue Realität".

"Man kann sich Karneval nicht auf Straßen vorstellen, die voll von Polizei sind, das passt mit Karneval nicht zusammen", sagt Steger im domradio.de Interview. Karneval sei eigentlich etwas anderes, etwas Urtümliches. "Karneval ist das Aussetzen der Norm, nicht die Einhaltung der Norm. Wie wird das jetzt in Köln aussehen? Ich habe keine Ahnung. Ich bin sehr gespannt", sagt Ales Steger

Seit zwei Monaten lebt Steger in Köln. Er ist Fellow des internationalen Morphomata Kollegs der Universität und Teilnehmer des Festivals für Weltliteratur Poetica vom 25. – 30. Januar. Köln zeige sich ihm jeden Tag von einer anderen Seite, erzählt er. Am Anfang habe er die Liebe der Kölner zu ihrer Stadt nicht verstanden: "So eine ungebrochene Liebe zur Stadt habe ich noch nirgends erlebt" sagt Steger, "später habe ich verstanden, dass diese Liebe zur Stadt die radikalen Unterschiede vereint, die es in Köln gesellschaftlich, religiös und kulturell gibt". Den Karneval und die großen kultischen Feste, die die Kölner mit so viel Leidenschaft feiern, seien identitätsstiftende Metaphern für die Stadt. Über lange Zeit seien diese Rituale institutionalisiert worden: "Nach Silvester müssen sie sich neu erfinden", ist der Autor überzeugt.

Ales Steger ist in Slowenien, in dem kleinen Städtchen Ptuj in der Nähe von Maribor aufgewachsen. Dort hat Karneval auch eine lange Tradition. Steger erzählt von alten heidnischen Bräuchen, von bedrohlichen Figuren, die mit lauten Kuhglocken den Winter austreiben. Auf domradio.de erzählt der Autor auch über die politische Situation Sloweniens und die Herausforderungen, die das Land auf der Balkanroute der Flüchtlinge zurzeit erlebt.