Christoph Peters
Christoph Peters

16.05.2018 - 14:59

Christoph Peters über sein Buch "Selfie mit Sheikh" Wo sich Abendland und Orient treffen

Wo und wie begegnen sich Okzident und Orient? Welche Reibungsflächen und Schnittstellen gibt es? In seinem Erzählband "Selfie mit Sheikh" hinterfragt Christoph Peters die westliche Perspektive. Seine Helden entdecken den Nahen und Mittleren Osten und staunen über die Komplexität und Vielfalt der Gesellschaften dort.

"Man muss den Menschen nur ordentlich Angst machen, dann kann man sie dazu bringen, fast alle extremen Maßnahmen abzunicken", sagt Christoph Peters im DOMRADIO.DE Interview. In den Geschichten seines neuen Erzählbandes "Selfie mit Sheikh" geht es auch um die Angst vor dem Fremden und um das Zerbröseln von Gewissheiten. Die Stereotypen des Fremden, vor dem Menschen Angst haben, seien über die Jahrhunderte in allen Kulturen gleich geblieben, sagt Peters. "Sie wollen unsere Frauen. Sie sind unberechenbar emotional. Sie sehen meistens gleich aus und dann haben sie noch irgendwelche wilden Rituale, die so klingen, als würden Affen auf den Boden trommeln", beschreibt er das Bild des bedrohlichen Fremden.

Christoph Peters enttarnt in seinem Buch diese Stereotypen. Er ist in die Türkei, nach Pakistan, Ägypten und Saudi-Arabien gefahren. In seinen Geschichten erzählt er von den fernen, fremden Welten – und den Begegnungen dort. "Wenn ich ein wenig von deren Blick annehme und auf mein eigenes Vertrautes schaue, dann merke ich erst einmal, dass auch mein Blick relativ ist und aus der anderen Perspektive auch wieder nur ein Fremdes zeigt", beschreibt er seine Erfahrungen. "Das hilft dann sehr dabei, die anderen sowohl mit Gelassenheit und Toleranz und im dritten Schritt vielleicht mit Neugierde und Interesse zu betrachten, weil ich durch das, was ich nicht bin, viel mehr darüber nachdenke, was ich selber bin, als wenn ich permanent darüber nachdenke, wer ich denn jetzt selber bin".

Das westliche Bild des Orient hat sich verändert

Wenn man durch die Fremde reist, zerbröseln einem Gewissheiten, erzählt Christoph Peters. Ihm ist das in Istanbul so ergangen, als er tagelang durch die Stadt streifte. Und welche Gewissheiten das sind? "Die Gewissheit, dass man meint, selber aus der überlegenen Kultur zu kommen, wo alles schicker, besser, moderner, aufgeklärter ist. Auch die Gewissheit, dass man zu verstehen glaubt, wie die Welt funktioniert – und dass man das aus europäischer Perspektive ganz selbstverständlich tun kann. Diese Gewissheiten sind mir bei meinen ersten Reisen in die islamische Welt sehr schnell zerbröselt".

Das europäische Bild vom Islam und Orient war in der Geschichte äußerst wechselhaft. Mal war es verklärt romantisch und sehr positiv, wie zum Beispiel im west-östlichen Divan von Goethe beschrieben. Dann wieder bedrohlich negativ. "Das westliche Bild der islamischen Welt ist immer hin- und hergesprungen", sagt Peters, "von den barbarischen wilden Muselmanen, von den sinnentrunkenen Sündern, die viele Frauen hatten und ein wildes Sexualleben. Das geistert schon durch das europäische Mittelalter. Auf der anderen Seite ist es eben das romantische, wo große Geschichtenerzähler eine verzauberte Welt malen". Die magischen Märchen aus Tausendundeiner Nacht sind dafür ein legendäres Beispiel. Heute, und auch davon erzählt Peters in seinem Buch, ist das Bild des Muslim klar negativ und bedrohlich. Er gilt als unberechenbar, grausam und gefährlich wie kein Menschenschlag auf der Welt. "Der Islam ist für weite Teile unserer Gesellschaft wieder zu einem Hort der Finsternis geworden, der religiösen Düsternis, der Unterdrückung und der Gewalt. Mein Buch versucht da auch ein bisschen aufzuklären", sagt der Autor.

Die Komplexität der islamischen Gesellschaften

Christoph Peters gibt in seinem Buch Einblicke in fremde Welten und Kulturen. Oft ist es ein junger Westler, der im Orient zu staunen beginnt, der erkennt, dass die islamisch geprägten Gesellschaften viel komplexer sind, als es uns unsere Vorurteile weismachen. "Das sind so heterogene und spannende Gesellschaften, die eben gar nicht unseren Vorstellungen des hermetischen islamischen Energieblocks entsprechen. Der Bogen spannt sich vom archaischen Stammeskrieger bis zum modernen in Oxford ausgebildeten Akademiker, der dieselben Diskurse mit derselben Souveränität über Religion, Kunst und Moderne führt, wie wir das eben hier tun". So hat der Autor das zum Beispiel in Pakistan erlebt.

Sein Buch "Selfie mir Sheikh" endet mit den Worten "irgendetwas tun" - in dieser Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint. Doch was kann das sein? "Die große Vision, dass wir die Welt retten, die auch ich mit 17 Jahren hatte, von der muss man sich verabschieden. Da ist der liebe Gott zuständig, das ist nicht unser Job. Das einzige, was wir tun können, ist erstmal uns selber verändern und dann mit der Veränderung, die wir an uns selber vornehmen, an dem Ort, wo wir jetzt gerade sind, vielleicht ein ganz klein bisschen die Welt besser machen. Das heißt – im Zweifel – dem anderen mehr Raum geben und den eigenen Raum bescheidener werden lassen".

Moderation: Johannes Schröer
(DR)

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