Reims: Glasfenster von Wolfgang Knoebel
Reims: Glasfenster von Wolfgang Knoebel

20.09.2017 - 09:02

Zerstörung der Kathedrale von Reims 1914 Kathedrale in Flammen

Sie ist für Frankreich eine nationale Ikone: die Kathedrale von Reims. Auch für die Deutschen hat sie große Bedeutung. Hier begann nach dem 2. Weltkrieg die Aussöhnung zwischen den beiden so genannten 'Erbfeinden'. Im 1. Weltkrieg standen sich die beiden Länder allerdings unversöhnlich gegenüber.

"Sie bombardierten Reims, und wir haben es gesehen! ... Es zieht uns zur Kathedrale. Es war die am wenigsten beschädigte in Frankreich. Nur um ihretwillen wäre man katholisch geworden. Es war die zur Erde niedergekommene religiöse Majestät." So der französische Journalist Albert Londres in einer Reportage. Am 20. September 1914, knapp sechs Wochen nach dem Beginn des 1. Weltkriegs, belegen die deutschen Truppen die Kathedrale von Reims mit Artilleriefeuer. Albert Londres weiter: "Dreißig Sekunden später folgte die zweite Granate. Zehn Meter von der ersten ging sie nieder. Dasselbe Pfeifen durchschnitt unser Trommelfell. Das war der Anfang. Sie hatten neu ausgerichtet. Diesmal hatten sie sie im Griff. Die Schläge zählten wir nicht mehr. Sie fielen ohne Unterlass. Wir blickten auf die Kathedrale. Zehn Minuten später sahen wir den ersten Stein fallen."

Reims als nationales Gut

Für die Franzosen ist die Kathedrale eine nationale Ikone. Denn: Um das Jahr 500 wird Chlodwig, der Frankenkönig, in Reims getauft und damit zum ersten katholischen Herrscher im Westen Europas. Vielen gilt diese Taufe als Geburtsstunde Frankreichs. Fast alle französischen Könige werden in Reims gekrönt. Davon alleine 25 in der heutigen Kathedrale, zu der 1211 der Grundstein gelegt wird. 1914 sind die Schäden verheerend. Das Dach der Kathedrale steht in Flammen. 400 Tonnen Blei, die im Dach verbaut wurden, stürzen in das Innere der Kirche und setzen die dort gelagerten großen Mengen Stroh in Brand, mit denen die Altäre geschützt werden sollen. Frankreich ist entsetzt. "Deutschland ist im Begriff in die Barbarei zurückzufallen!", so der Philosoph und spätere Nobelpreisträger für Literatur Henri Bergson. Die französische Regierung verlautet: "Wir sind entrüstet wegen des Bombardements und der Zerstörung der Kathedrale … Die Menschheit hat einen unersetzlichen Verlust erlitten!"

Die Deutschen bleiben kühl

Während ein Sturm der Entrüstung durch die internationale Presse geht, reagiert das deutsche Hauptquartier kalt wie eine Hundeschnauze: "Die Kathedrale sollte auf Anordnung des deutschen Armeeoberkommandos geschont werden, so lange der Feind sie nicht zu seinen Gunsten ausnutzte. Seit dem 20. September wurde auf der Kathedrale die weiße Flagge gezeigt und von uns geachtet. Trotzdem konnten wir auf dem Turm einen Beobachtungsposten feststellen, der die gute Wirkung der feindlichen Artillerie gegen unsere angreifende Infanterie erklärte. Es war nötig, ihn zu beseitigen." Vollkommen ungerührt im Ton schickt die Armee noch eine ‚Schadensmeldung‘ hinterher. "Wie wir beobachten können, stehen Turm und Äußeres der Kathedrale unzerstört. Der Dachstuhl ist in Flammen aufgegangen. Die angreifenden Truppen sind also nur so weit gegangen, wie sie unbedingt gehen mussten. Die Verantwortung trägt der Feind, der ein ehrwürdiges Bauwerk unter dem Schutz der weißen Flagge zu missbrauchen versuchte."

Emotionale Töne von Schrifstellern

Während weltweit die Deutschen als ‚Vandalen‘ bezeichnet werden, stehen die Intellektuellen treu zu Kaiser und Vaterland. "Eine katholische Kathedrale kann zwar als Denkmal christlicher Kultur fungieren, nicht aber als Wahrzeichen der Zivilisation des jakobinischen Frankreichs. Die Franzosen paaren gespielte Harmlosigkeit mit ungenierter Empörungsbereitschaft. Eine Mischung, die nur in der militärischen Defensive eine gewisse Überzeugungskraft entfalten kann", so Thomas Mann. Und der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig spottet angesichts der anfänglichen deutschen Offensiverfolge: "Es ist schlicht eine Falle der Franzosen, die es wollten, dass die Deutschen sich moralisch schädigten, - denn anders Schaden zuzufügen ist ihnen bisher noch nicht recht gelungen."

Frankreich und Deutschland kommen sich näher

Aufgrund der katastrophalen Folgen des Ersten Weltkriegs und der Isolation, in der sich Deutschland in den 1920er Jahren befindet, herrscht zwischen beiden Ländern Funkstille. Erst nach dem 2. Weltkrieg wächst in Konrad Adenauer die Überzeugung, dass die deutsch-französische Erbfeindschaft und das nationalistische Denken überwunden werden muss. "Der deutsch-französische Gegensatz muss endgültig aus der Welt geschaffen werden", verkündet er in seiner Regierungserklärung 1949. Nach dem 2. Weltkrieg wird Reims zum Symbol der Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland. Am 8. Juli 1962 besuchen Frankreichs Präsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer gemeinsam einen Gottesdienst in der Kathedrale. Sie beten gemeinsam und betonen den Willen zur Versöhnung der beiden Staaten.

Neue Fenster für die Kathedrale

Und am 11. Mai 2015 weiht der damalige Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier gemeinsam mit seinem französischen Amtskollegen Laurent Fabius ein besonderes Kunstwerk in der Kathedrale ein: Drei vom deutschen Künstler Imi Knoebel gestaltete Kirchenfenster. Die Originalfenster waren im Ersten Weltkrieg durch den deutschen Angriff zerstört worden. Sie schließen damit die letzte Narbe des Krieges von 1914.

Moderation: Edgar Schnicke
(dr)