08.10.2017 - 09:00

Wenn die Moderne auf die Altvorderen trifft Kirchen-Skandal in Wien um Jugendstilkirche am Steinhof

Der Jugendstil gilt als der erste Stil der Moderne. Die am 8. Oktober 1907 in Wien eröffnete Kirche am Steinhof in Wien gilt heute als weltweit wichtigster Sakralbau. Aber anfangs des 20. Jahrhunderts eckte der neue Stil in den konservativen Kreisen gewaltig an.

Das Verhältnis zwischen Künstler und Auftraggeber ist oft kompliziert. Aber, dass Erzherzog Franz Ferdinand, als Repräsentant des österreichischen Kaiserhauses, in seiner Rede zur Eröffnung der Kirche am Steinhof den Architekten mit keiner Silbe erwähnt – das ist ein handfester Skandal. Otto Wagner, der Schöpfer des grandiosen Bauwerks und der berühmteste Vertreter des Wiener Jugendstils, notiert am 8. Oktober 1907 in seinem Tagebuch: "Zur Eröffnung der Steinhofer Kirche kam, in Vertretung des Kaisers, Erzherzog Franz Ferdinand. Ich musste ihm den Bau erklären, worauf er als Schlussbemerkung sagte: 'Der Marie-Theresien-Stil ist doch der schönste.'"

Wehe, wer dem Thronfolger widerspricht …

Der Architekt lässt das nicht auf sich sitzen. Wagner entgegnet dem Thronfolger: "Majestät, zu Maria Theresias Zeiten waren die Kanonen reich verziert, heute sind sie glatt. Aber schießen tun sie heute genauso gut wie damals."

Für Franz Ferdinand ist Wagners Antwort ein Affront. Der Thronfolger ist nachtragend. Wagner später in seinem Tagebuch: "Sein Hass verfolgte mich, trotz mehrfacher Interventionen, derart, dass ich eine Anzahl Aufträge verlor, für die ich in Aussicht genommen war. Die Gemeinde hatte viel zu wenig Mut, sich den überaus gehässigen Machenschaften des Erzherzogs entgegenzustellen."

Der neumodische Jugendstil trifft auf Kritik

Wagners neuer Stil ist die Antithese zum Architekturgeschmack von Franz Ferdinand. Der träumt vom schwülstigen Neobarock. Auch das Wiener Establishment lästert über den als byzantinische Kreuzkuppelkirche konzipierten Sakralbau. Wegen der leuchtenden, vergoldeten Kuppel wird die Kirche als "Lemoniberg" geschmäht: "Die goldene Kuppel wird bis Ungarn glänzen, damit die Ungarn sagen können: dort wohnen die Narren …"

Die Wiener 'Neue Freie Presse' ätzt in ihrer Ausgabe vom Tag der Eröffnung: "Ist es nicht eine hübsche Ironie des Schicksals, dass so ziemlich das erste vernünftige sezessionistische Gebäude großen Stils in Wien für die Irrsinnigen gebaut worden ist?"

Zweckmäßig bis ins kleinste Detail

Die Kirche steht am höchsten Punkt der "Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Geisteskranke" im 14. Wiener Gemeindebezirk Penzing. Wagners 'Glaubensbekenntnis' – "Die einzige Herrin der Kunst ist die Notwendigkeit!" – wie er es selbst nennt, ist hier in Stein gegossen.

Folgerichtig ist die dem Heiligen Leopold geweihte  Kirche mit äußerster Zweckmäßigkeit geplant. Die Fassade ist mit weißen Marmorplatten aus Carrara verkleidet. Geometrische Formen bestimmen das Design. Eine goldene, durchbrochene große Halbkugel schwebt über dem Altar. Das Dekorative ist bewusst aufeinander abgestimmt, sodass der Raum ruhig wirkt. Die grandiose Wirkung des Innenraums entsteht durch die Glasmosaikfenster von Koloman Moser. Sie gelten als Höhepunkt der im Jugendstil neu belebten Glasfensterkunst.

Die Fachpresse staunt

"Hier ist mit dem zu Formelkram erstarrten Charakter der traditionellen Formensprache gebrochen: Der Zweck gebiert die Form. Das schlichte Innere der Kirche bildet den Rahmen für die leuchtende Pracht des Hochaltars, in dem religiös und ästhetisch der Raum kulminiert", schwärmt der Wiener Kunsthistoriker Ludwig von Baldass 1925.

Auch in Hinblick auf die spezielle Verwendung der Kirche für Geisteskranke ist jedes kleinste Detail durchgeplant. Die Kirchenbankreihen sind kurz gehalten, um ein schnelles Eingreifen in Notfällen durch die Pfleger zu ermöglichen. Die Bänke sind ohne scharfe Ecken verarbeitet und wegen der einfacheren Reinigung am Boden mit Kupferbeschlägen versehen. Wagner sagt dazu: „Alles modern Geschaffene muss dem neuen Materiale und den Anforderungen der Gegenwart entsprechen, wenn es zur modernen Menschheit passen soll.“

Der neue Stil setzt sich durch

Wegen besserer Sicht und auch wegen der leichteren Reinigung fällt der Fußboden zum Altar hin leicht ab. Die besondere Konstruktion der Weihwasserbecken – sie sind als Wassertropfer ausgeführt – soll Infektionen verhindern. Zudem sind Arztzimmer, Erste-Hilfe-Raum und Toiletten vorhanden.

Die Geschichte zieht ihre eigenen Kreise: Während Franz Ferdinands Name immer mit seiner Ermordung in Sarajevo verbunden ist, die den Auftakt für die Katastrophe des ersten Weltkriegs darstellte; gilt die Kirche als weltweit wichtigster Sakralbau des Jugendstils und als kreative Krönung des Werks von Otto Wagner. Und in den letzten Jahren hat sich die Kirche am Steinhof zu einer beliebten Hochzeitskirche entwickelt …

Moderation: Edgar Schnicke