20.07.2018 - 09:20

Verwirrende Gestalt Die Heilige Kümmernis

Die heilige Kümmernis ist weltweit die Heilige mit den meisten Alias-Namen und sie ist die einzige katholische Heilige mit Bart …

Es war vor 1400. Als Pilger aus dem Gebiet, das heute Niederlande genannt wird, damals aber zu Deutschland gehörte, auf dem Weg nach Rom eine Entdeckung machte.

Ihr Weg führte sie durch die Toskana. Und weil man als Pilger nicht nur Hospize zum Schlafen und Essen besuchte, sondern auch die örtlichen Kirchen zum Gebet, kamen sie auch in die Kathedrale von Lucca, San Martino. Dort standen sie plötzlich vor einem Kreuz, wie sie es noch nie gesehen hatten.

Volto Santo

Nach dem lateinischen Vuluts sanctus“ = Heiliges Antlitz wird das berühmte im Hochmittelalter geschaffene Kreuz genannt, das die Pilger damals entdeckten.

Es zeigt den gekrönten, mit einer Tunika bekleideten Christus nicht leidend, sondern triumphierend, mit dem Oberkörper einer Frau, Bart und offenen Augen vor dem Kreuz stehend.

Seit dem Ende des 11. Jahrhunderts befindet sich dieses Kreuz in Lucca.

Legende zum Fund

Es hat den Anschein, dass die Pilger auf ihrer weiteren Fahrt über diese Frau als Kreuzfigur und ihr Geschichte nachgrübelten bis zur Rückkehr in ihre friesische Heimat, hatten sie eine passende Legende erfunden:

Wilgefortis die Tochter des Königs Kuminis war eines heidnischen Königs-Tochter aus Portugl, schön und gebildet. Als deshalb ein heidnischer König sie zu seiner Gemahlin begehrte, lehnte die Jungfrau ab. Das machte ihren Vater zornig und er ließ sie ins Gefängnis werfen. Sie rief in ihrer Gefangenschaft Gott an und bat ihn, ihr zur Hilfe zu kommen, indem er sie in eine Gestalt verwandelte, die keinem Mann auf Erden gefalle. Gott ließ ihr über Nacht einen Bart wachsen. So wurde sie ihm gleich.

Das brachte den Vater der Heiligen noch mehr in Wut und er beschloss, dass seine Tochter nun auch so sterben solle, wie ihr verehrter Jesus. Er ließ sie kreuzigen.

Von der Legende zur Heiligen

Aus der Königstochter Kuminis und wurde so Sankt Kümmernis. Die Legende verbreitete sich in allen Ländern Europas und Südamerikas durch Erzählen und Einblattdrucke. Es war vielleicht kein Wunder, zumindest aber wunderbar, dass die erfundene Volksheilige in das offizielle römische Märtyrerverzeichnis aufgenommen wurde, ohne dass je ein entsprechender Beschluss nachgewiesen worden wäre.

Unter dem 20. Juli hieß es dort:

"Die heilige Jungfrau und Blutzeugin Wilgefortis. Sie stritt für den christlichen Glauben und ihre Reinheit und errang am Kreuz einen ruhmvollen Sieg."

Sankt Wilgefortis

Ihr Name entstand aus dem lateinischen virgo fortis, starke Jungfrau. Aber die heilige Kümmernis hat etliche weitere Alias-Namen:

Sankt Caritas, Comera, Cumerana, Eutropia, Hilfe, Hulpe, Hülpe, Liberata, Liberatrix, Ontcomera, Ontkommene, Ontkommer, Gwer Sainte Affligée…

Kümmernis gegen Kummer

Wie man sie auch nennt, wer sie anruft in Kümmernis und Anfechtung dem kommt sie in seiner Not zu Hilfe.

Die heilige Kümmernis wurde zu einer der populärsten Heiligen, an die sich vor allem Frauen mit ihren Nöten wandten.

Im 18. Jahrhundert begann man ihren Kult zu unterdrücken, löschte ihren Eintrag im Märtyrerverzeichnis.

Doch, wieder überlebte die heilige Kümmernis. Sogar die Gebrüder Jacob und Wilhelm Grimm hielten sie in ihrer Märchensammlung lebendig.

Kunstobjekt Kümmernis

Ein argentinischer Kunstkatalog über Kreuzesdarstellungen aus dem Jahr 2000 zeigt eine Saint Affligée, eine von Künstlern gestaltete Postkarte. Und es kommt noch besser, die Kümmernis ist auch in die modernen Medien eingezogen

Die in Helsinki lebende englische Sängerin Rebecca Clamp veröffentliche 2008 bei You tube das Lied „St. Wilgefortis“, samt Zeichentrickfilm Ein kleines Mädchen trifft in einem Museum auf die heilige Wilgefortis am Kreuz, die dem erstaunten Mädchen ihre Geschichte erzählt. Rebecca Clamp hat inzwischen einige Nachahmer gefunden, deren Lieder auch bei You tube zu sehen und zu hören sind.

Verehrung

Die heilige Kümmernis wird heute noch in Bayern und Österreich verehrt, wo Kirchen unter ihrem Patronat stehen. Im Erzbistum Köln hat sich ein wertvolles Fresko von ihr erhalten. In der früheren Stiftskirche Sankt Lambertus in der Düsseldorfer Altstadt wurde vor einigen Jahren ein  Fresko von 1450/70 oberhalb des Südportals freigelegt.