Dokument aus dem Vatikanischen Geheimarchiv
Dokument aus dem Vatikanischen Geheimarchiv

15.06.2018 - 09:20

Sagenumwobene Bibliothek Das Geheimarchiv des Vatikan

Im geheimen Archiv des Vatikans lagern Dokumente aus acht Jahrhunderten. Nur wenige Wissenschaftler dürfen den Geheimnis umwitterten Bücherschatz überhaupt betreten. Noch heute gelten die Regelungen des 15. Juni 1475.

Am 15. Juni 1475 wurde die Bibliothek des Vatikans neu organisiert. Es ist ein Ereignis mit Symbolcharakter: Eine wichtige Begegnung zwischen geistlicher und weltlicher Kultur. Der Heilige Stuhl öffnet Teile der Vatikanischen Bibliothek für Wissenschaft und Forschung. 

Die Anfänge der vatikanischen Sammlungen gehen bis ins 4. Jahrhundert zurück. Schriften wurden aufgehoben, zusammengetragen, unter Verschluss gehalten. Doch, immer wieder gingen auch Dokumente verloren, politische Unruhen zwangen den Vatikan dazu, die Sammlung an andere Orte zu bringen.

Bildung des Geheimarchiv-Grundstocks

Erst im 15. Jahrhundert wurde der Bestand genauer protokolliert und gesichert. Bei einer Inventur wurden 350 Werke in verschiedenen Sprachen festgestellt, die meisten davon in Latein. Diese 350 sind noch heute der Grundstock der Vatikanbibliothek.

Eine umfangreiche Beschaffung von Schriftgut aus ganz Europa und dem Osten wurde angeordnet. Zusätzlich war ein Heer von Schriftgelehrten ständig damit beschäftigt, Bücher aus den Beständen anderer Sammlungen zu kopieren und so dem Bestand der Vatikanischen Bibliothek hinzuzufügen. Die Sammlung des Vatikans wurde zur größten in ganz Europa

Teilweise Öffnung im 15. Jahrhundert

Vatikanstadt am 15. Juni 1475: Der damalige Papst Sixtus IV. nimmt Platz in der reichverzierten Bibliothek des Vatikan. Er erlässt eine Bulle: Ad decorem militantis Ecclesiae (Lat.: Zur Zierde der streitenden Kirche). Vor ihm kniend Bartolomeo Platina, ein Humanist, der zum ersten Präfekten der Vatikanischen Bibliothek ernannt wird.

Papst Sixtus IV. legt fest: Die Schriften und Akten sollen von nun an in drei Räumen untergebracht werden, einige Teile sind ab jetzt für die Öffentlichkeit zugänglich, nur die "Bibliotheca secreta" – das heutige Geheimarchiv – bleibt der Welt verschlossen.

Zugangsregeln heute

Einsehen darf die Schriften des Vatikanischen Archivs mittlerweile jeder, der ein abgeschlossenes Studium und eine Empfehlung vorlegen kann. Es herrscht heute absolutes Handyverbot in den Gängen und die Wissenschaftler sind angehalten angemessene Kleidung zu tragen.

In Romanen werden immer wieder großartige Geheimnisse in die Bibliothek hineinspekuliert: Dan Brown, der amerikanische Schriftsteller, schreibt in seinem Roman "Illuminati" ausgiebig darüber. Das Betreten der "luftdichten Kammern" ist in seinem Bestseller lebensgefährlich, "wenn nicht ein fremder Bibliothekar die Sauerstoffzufuhr regulierte". Doch selbst setzte der Autor nie einen Fuß in das Geheimarchiv des Vatikans. Realität und Fiktion: Das Archivio Secreto ist und bleibt geheimnisvoll.

Was genau hier lagert

Auf insgesamt rund 85 Kilometern Regalen werden heute alle vom Heiligen Stuhl verfassten Gesetze und diplomatischen Korrespondenzen der Päpste seit dem 13. Jahrhundert aufbewahrt. Diese können durchaus brisant sein und enthüllen. So zum Beispiel die Lateranverträge: Sie beendeten den offenen Konflikt zwischen Papst und italienischem Staat und eröffneten dem Papst die Möglichkeit, auf der Ebene der internationalen Politik aktiv einzugreifen. 

Unter den Dokumenten sind auch Briefe aus den Händen von Kaiser Friedrich Barbarossa, Kaiserin Sissi von Österreich-Ungarn oder Abraham Lincoln. Auch eine Bulle von 1520 ist darunter. Darin verurteile Papst Leo X. die Thesen Martin Luthers. Im selben Verzeichnis ist auch die Bulle zu sehen, mit der Luther exkommuniziert wurde.

Institution zur Bewahrung der Forschung

Das Geheimarchiv soll keine Regierungsgeheimnisse hüten. Kurienkardinal Tarcisio Bertone sieht die wichtigste Aufgabe des Archivs darin, Schätze zu erhalten. "Das sind seine unzähligen Pergamente und Handschriften. Akten und Dokumente, die von den römischen Päpsten seit nunmehr vier Jahrhunderten dort abgelegt werden, damit sie den Historikern und Gelehrten zur Verfügung stehen."

Die Mühlen des Vatikan mahlen zu langsam, sagen die Gelehrten. Mehr als dreieinhalb Jahrhunderte mussten zum Beispiel vergehen, bis der Vatikan mit dem einstigen Ketzer Galileo Galilei 1992 seinen Frieden machen konnte. Die Prozessakten lagern ebenfalls im Geheimarchiv und wurden lange nicht öffentlich gemacht.

Aber auch neuere Dokumente können in der Bibliothek nicht eingesehen werden. Das Material wird erst nach Ablauf einer Frist von etwa 70 Jahren zur Verfügung gestellt. Das heißt zum Beispiel: Ein Teil der Akten aus der Zeit des Nationalsozialismus ist immer noch unter Verschluss. Kritiker fordern schon lange eine Öffnung der Bestände – zum Beispiel auch über das Pontifikat von Papst Pius XII. bis zu dessen Tod 1958. Ein Ende dieses Streits ist nicht abzusehen. Hier bleibt das Geheimarchiv geheim.