Beate Klarsfeld gratuliert 2012 Joachim Gauck zu seiner Wahl als Bundespräsident
Beate Klarsfeld gratuliert 2012 Joachim Gauck zu seiner Wahl als Bundespräsident

13.02.2019 - 09:20

Kämpferin gegen Alt-Nazis Beate Klarsfeld

Fehlende Führungskräfte waren eines der größten Probleme der Nachkriegspolitik, denn viele ehemals hochrangige Beamte und Militärs waren durch die Nazi-Zeit vorbelastet, als Parteigänger. In der Not wurden viele dieser Alt-Nazis rehabilitiert und gerieten wieder in Amt und Würden. Ein Faktum, mit dem sich viele Bundesbürger nicht abfinden konnten. Und so kam es auch zum Fall Beate Klarsfeld: eine Frau ohrfeigt den Bundeskanzler und wird später mit dem Bundesverdienstkreuz ihres Landes ausgezeichnet:

Am 13. Februar 1939 wird sie als Beate Auguste Künzel in Berlin geboren.

Schon früh gerät sie mit ihren Eltern in Streit, wenn von der Nazi-Zeit die Rede ist. In der Bundesrepublik reden nur wenige darüber. Ehemalige Parteigenossen und Alt-Nazis sitzen oftmals wieder an den entscheidenden Schaltstellen.

Flucht vor dem großen Schweigen nach Paris

1960 geht die junge Frau als Au-pair nach Paris. In der Metro trifft sie den jungen Anwalt Serge Klarsfeld – beide verlieben sich auf Anhieb

1963 heiratet das Paar. Eine Deutsche und ein Franzose, keine gewöhnliche Verbindung damals, zumal Serges Klarsfelds Vater als Jude in Auschwitz ermordet wurden. Beate Klarsfeld erinnert sich stets wie schockiert sie vom Schicksal ihres Schwiegervaters war.

"Als ich meinen Mann kennenlernte, erzählt er mir sofort die Geschichte seiner Familie … und da musste ich irgendetwas tun."

Die Klarsfelds werden zum Schrecken aller Ex-Nazis, die sich in der Nachkriegszeit wieder behaglich eingerichtet haben.

Kiesinger Bundeskanzler mit Nazivergangenheit

Einer von ihnen ist Kurt Georg Kiesinger. Der CDU-Mann ist Kanzler der ersten großen Koalition zwischen Christdemokraten und SPD.

Auf dem diplomatischen Parkett macht Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger eine hervorragende Figur.

Bei seinem Antrittsbesuch in Paris schwärmt Helgard Planken, die Protokollchefin der Deutschen Botschaft:

"Kiesinger trägt den Bundeskanzler wie einen Hermelin."

Klarsfeld gegen Kiesinger

Für Beate Klarsfeld dagegen ist das unerträglich: 1933 war der Jurist in die NSDAP eingetreten und hatte dann Karriere im Außenministerium gemacht. Gemeinsam mit ihrem Mann Serge sammelt sie bis 1968 Dokumente.

In der französischen Zeitschrift 'Combat' deckt sie Kiesingers braune Vergangenheit auf.

Außerdem schickt sie die Unterlagen an deutsche Abgeordnete sowie Journalisten, doch - keine Reaktion. Der Bundeskanzler sei demokratisch gewählt und fertig - der allgemeine Tenor

Die Ohrfeige

Am 2. April 1968 ruft Beate Klarsfeld "Kiesinger, Nazi, abtreten!",  von der Zuschauertribüne im Bonner Bundestag. Der Bundeskanzler unterbricht lediglich kurz seine Rede. Beate Klarsfeld wird von der Polizei abgeführt und sofort wieder freigelassen.

Da holt die 29Jährige zum finalen Schlag aus: Am 7. November 1968 schreitet sie auf dem CDU-Parteitag in Berlin zur Tat. Als Journalistin getarnt, verpasst sie Kiesinger auf dem Podium eine schallende Ohrfeige und ruft 'Nazi! Nazi!'. Und das in aller Öffentlichkeit!

Die Folgen

In der Öffentlichkeit entsteht eine rege Diskussion. Die Nation ist teils entgeistert und teils begeistert.

Kiesinger selbst nimmt’s staatstragend:

"Sie hat ja auch schon einmal im Bundestag schon eine Radauszene veranstaltet."

Beate Klarsfeld, ab jetzt ‚Ohrfeigen-Beate‘ genannt wird, wird zu einem Jahr Gefängnisstrafe verurteilt, die sie als französische Staatsangehörige allerdings nicht antreten muss.

Internationale Erfolge gegen Alt-Nazis

International machen Beate und Serge Klarsfeld Schlagzeilen als sie 1971 Kurt Lischka, den früheren Gestapochef von Paris, aufspüren. Unbehelligt von der Justiz lebt der ehemalige SS-Obersturmbannführer in Köln. 1980 wird Lischka wegen der Deportation und Ermordung von 40.000 französischen Juden zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Der größte Erfolg der Klarfelds ist jedoch die Suche nach Klaus Barbie, dem 'Schlächter von Lyon'. In der drittgrößten Stadt Frankreichs hat er während der Besatzungszeit unvorstellbare Grausamkeiten begangen. Unter dem Decknamen Klaus Altmann hat er sich nach dem Krieg in Bolivien versteckt und führt eine bürgerliche Existenz. 1983 wird Barbie nach Frankreich ausgeliefert – und 1987 zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Prozess erregt weltweites Aufsehen.

Politikerin Beate Klarsfeld

Beate Klarsfeld tritt als Kandidatin 2012 tritt als Präsidentschaftskandidatin gegen Joachim Gauck an.

Drei Jahre später, im Jahr 2015, werden Beate und Serge Klarsfeld mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Unterschrieben hat die Urkunde Bundespräsident Joachim Gauck.